Alte Narben - neue Spannungen!
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Die Auswirkungen des 11. September auf den Balkan.
Von Joachim Langer und Katharina Hahn*

 

Die einstürzenden Twin Towers und das brennende Pentagon haben auf dem Balkan eine Schockwelle ausgelöst und eine Reihe von Reaktionen hervorgerufen, deren Konsequenzen für die ganze Region auch nach vier Monaten noch nicht in ihrer gesamten Tragweite absehbar sind.
Bosnien-Herzegowina, Kosovo und Makedonien fanden sich plötzlich auf der Liste jener Länder und Regionen wieder, die von den USA zu den "bevorzugten Zufluchtsorten von Terroristen" gezählt wurden. Hetzkampagnen in manchen Medien hatten zur Folge, daß muslimische Gemeinschaften in Ländern wie Kroatien plötzlich wieder verdächtig beäugt werden. Nach einer Zeit der Normalisierung der nachbarschaftlichen Beziehungen flackern die Spannungen zwischen den ehemaligen Kriegsparteien erneut auf - Mißtrauen und Angst kehren zurück. Führende Makedonische Politiker beschuldigten nicht nur die albanische Bevölkerung ihres eigenen Landes - insbesondere die UÇK -, sondern auch Albanien, mit Osama Bin Ladens Al Qaida in Verbindung zu stehen. Und die Regierung in Sarajevo mußte eingestehen, daß Kämpfern aus islamischen Ländern die bosnische Staatsbürgerschaft verliehen wurde.
Alle Staaten Südosteuropas haben der internationalen Anti-Terror-Allianz ihre Unterstützung zugesagt - offensichtlich darum bemüht, ihre Solidarität mit den USA unter Beweis zu stellen - manche vielleicht auch aus Angst, anderenfalls auf der falschen Seite zu stehen.
Einige Kommentatoren blicken auf das vergangene Jahrzehnt zurück und zeigen auf, wie sich die Perspektiven verändert haben: Aus den "Freiheitskämpfern" gegen die serbische Aggression in Bosnien-Herzegowina, vom Westen heimlich unterstützt und bewaffnet, wurden über Nacht gefährliche Mujaheddin.Journalistinnen und Journalisten aller Redaktionen des Alternativen Informationsnetzwerks in Südosteuropa AIM haben ein Dossier zusammengestellt, das einen Überblick über die Reaktionen in der Region zu geben versucht. Es beschreibt die Positionen der jeweiligen Regierungen, die verschiedenen in der öffentliche Meinung vertretenen Standpunkte und analysiert die möglichen Folgen der aktuellen Krise vor Ort.
Wir stellen das Dossier in Auszügen vor - komplett kann es auf der Website von AIM abgerufen werden. Die Internet-Adresse lautet
www.aimpress.ch.

Kroatien
In Kroatien wurde vor allem die bosnisch-muslimische Minderheit zur Zielscheibe anti-islamischer Ressentiments. Igor Lasiæ von AIM Zagreb faßt die in der Öffentlichkeit am meisten verbreiteten Stereotypen folgendermaßen zusammen:

"Der Islam ist an allem schuld, so sind die Muslime eben... Wie soll man mit ihnen eine multiethnische Gesellschaft aufbauen, wie ihnen trauen, wenn sie Flugzeuge voller Menschen über Städten abstürzen lassen?"[01]

Die Moschee in Zagreb wurde zum Ziel von Drohungen, obwohl der dortige Mufti, Sefko Omerbasiæ, die Anschläge umgehend auf das Entschiedenste verurteilt hatte. Igor Lasiæ weiter:

"Während die Polizei in Zagreb die Moschee beschützt, werden in anderen Landesteilen Bürger muslimischen Glaubens schikaniert. Etwa 2.000 Bosniaken leben in einigen verstreut liegenden kroatischen Dörfern an der kroatisch-bosnischen Grenze. Sie sind natürlich Bürger Kroatiens, in ihrem Fall ist das jedoch einfach nicht genug. Aufgrund ihrer ‚verdächtigen' Nationalität und ihres Glaubens stattet ihnen die örtliche Polizei täglich Besuche ab, überwacht ihr Kommen und Gehen und stellt Fragen nach Aufenthaltsort und Tun bestimmter Dorfbewohner. Mehr als einmal hat die Polizei klar gestellt, daß dies mit den Ereignissen in den USA zu tun habe. (...) ‚Sind wir für den arabischen Terrorismus verantwortlich? Sind wir schuldig, nur weil wir den gleichen Glauben haben? Braucht dieses Land noch mehr Streit?' Das würde Atif Nuhanoviæ, ein lokaler bosnischer Politaktivist, gerne wissen. Bis jetzt sind seine Fragen unbeantwortet geblieben."[02]

Angeheizt hätten die anti-islamische Stimmung - so Lasiæ -in erster Linie die kroatischen Medien, allen voran das Fernsehen. Die Ursachen für diese Ressentiments seien im Bosnien-Krieg zu suchen:

"Eines ist sicher: Die Gründe hinter dem derzeitigen Kreuzzug gegen den Islam gehen auf die Zeit des Krieges zwischen Kroatien und Bosnien zurück, als die Mehrzahl der ansässigen Journalisten offen oder still die kroatische Aggression gegen Bosnien unterstützten. Die allgemeine Dämonisierung von Islam und Bosniaken stellt eine Möglichkeit dar, ihr eigenes Schuldbewußtsein zu entlasten und sich vor den Augen der Welt von der eigenen Verantwortung zu entbinden."[03]

Von höchster Stelle, z. B. von Staatspräsident Mesiæ, wurden in Kroatien aber auch Appelle zur Ächtung und wirksamen Bekämpfung des Terrorismus laut: Unter dem Tudjmanregime rangierten Terrorakte im Kampf für die sogenannte "nationale Sache" nämlich als Dienst am kroatischen Vaterland und die verantwortlichen extremistischen Gruppen blieben bis heute unbehelligt. Angesichts der von der EU geplanten verschärften Sicherheitsvorkehrungen fürchten manche kroatische Politiker um die Integration ihres Landes. Dazu Jelena Lovriæ von AIM Zagreb:

"...Premier Ivica Raèan beschrieb die Angst vor einer anderen Art von Konsequenzen, die Kroatien nach dem amerikanischen Schwarzen Dienstag treffen könnten: ‚Es fragt sich, ob die EU uns in den Anti-Terror-Korridor aufnehmen wird. Sollte die EU unter dem Eindruck der Anschläge in den USA einen Sicherheitskordon an ihren Außengrenzen schaffen, stellt sich die Frage, auf welcher Seite dieses Kordons Kroatien liegen wird.'"[04]

So bemüht man sich vielerorts in Kroatien, die bosnischen Nachbarn als die eigentliche Gefahr erscheinen zu lassen.

Bosnien-Herzegowina
Die Auswirkungen in Bosnien-Herzegowina sind um einiges schwerwiegender. In den unterschiedlichen Reaktionen aus dem serbischen Landesteil und der kroatisch-muslimischen Föderation brachen die Gegensätze der einstigen Kriegsparteien wieder auf. Branko Periæ beschreibt die Stimmung in der Republika Srpska Ende September folgendermaßen:

"Im Sog der Ereignisse vom 11. September fand sich Bosnien-Herzegowina - neben Makedonien und Kosovo - auf der Liste jener Länder, die von Terroristen als Zufluchtsort bevorzugt wurden und werden. Diese Nachricht rief sehr unterschiedliche Reaktionen hervor: die Serben waren höchst erfreut und betonten, daß sie während des Krieges das Ausland immer wieder vor den in der muslimisch-kroatischen Föderationsarmee kämpfenden Terroristen gewarnt hätten. Solche Warnungen seien jedoch nur auf taube Ohren gestoßen und statt dessen wurde der ‚Heilige Krieg' der Terroristen unterstützt. Die Regierung der Föderation dagegen reagierte zutiefst betreten und besorgt darüber, was jetzt noch für Fakten ans Tageslicht kommen würden."[05]

Und Periæ kommt zum Schluß:

"Bosnische Offizielle werden verdächtigt, in das internationale organisierte Verbrechen verwickelt zu sein, in den Waffen- und Drogenschmuggel sowie den illegalen Transfer von Flüchtlingen über die Flughäfen von Sarajevo und Tuzla. Solche kriminellen Verbindungen existieren in Bosnien und einigen Nachbarländern schon seit Jahren, unter dem Schutz lokaler und internationaler Behörden. Einiges davon wird nun an die Oberfläche kommen, aber es wird nicht einfach sein solche mafiaähnlichen Strukturen zu beseitigen. (...) Politisch instabil, schlecht organisiert und arm, bleibt Bosnien-Herzegowina auch weiterhin ein für Kriminalität fruchtbarer Boden und damit ein potentieller Risikofaktor für die Stabilität der Region."[06]

Ganz anders - wenn auch kritisch - die Kommentare aus der kroatisch-muslimischen Föderation. So schreibt beispielsweise Emir Habul:

"Als Nachwirkung der Terroranschläge auf New York und Washington, sieht sich Bosnien-Herzegowina - mit seiner muslimischen Bevölkerungsmehrheit, von den Medien als sichere Terroristenzuflucht stigmatisiert.
(...) Solche negativen Einschätzungen müssen auch als Resultat von Fehlern aus der Izetbegoviæ-Ära gesehen werden. Als die ‚Partei der Demokratischen Aktion' an die Macht kam, wurde der Islam - eine mehr als 50 Jahre unterdrückte Religion - plötzlich zur staatstragenden Ideologie des Landes. Eine aggressive Religiosität durchdrang alle Lebensbereiche und zu weiten Teilen die Armee, besonders während des kritischen Jahres 1993, als das Land gegen Serben und Kroaten gleichzeitig Krieg führte. Die Religion war die einzig verfügbare Hoffnungsquelle und in solchen Zeiten war jeder Verbündete willkommen. Hunderte islamischer Freiwilliger kamen nach Bosnien, mit Motiven zweierlei Art: Sie kamen einerseits ihren Glaubensbrüdern in äußerster Bedrängnis zu Hilfe, und andererseits, um den gemeinsamen Glauben zu verteidigen. Die Freiwilligen bildeten eine nach islamische Regeln organisierte Spezialeinheit namens ‚El Mujaheddin'. Wie sich später herausstellte, war diese Einheit niemals offiziell in die geltenden Strukturen der bosnischen Armee eingebunden. Doch allein der Umstand, daß es sie gab, war Wasser auf die Mühlen einer riesigen Propagandakampagne der Regime in Belgrad und in Zagreb."
[07]

Als sich der bosnische Premier und Außenminister Zlatko Lagumd¾ija Mitte Oktober auf den Weg zur Europäischen Antiterrorkonferenz machte, verließ er sein Land in einer Situation tiefer Verunsicherung. Anlaß dafür war die vorübergehende Schließung der Botschaften und Konsulate der USA und Großbritanniens in Banja Luka und Mostar. Emir Habul kommentiert:

"Die offizielle Erklärung für den Schritt lautete auf ‚ernstzunehmende Sicherheitsrisiken'. Die Schließung der Vertretungen hatte einen verheerenden psychologischen Effekt, der einer Kriegserklärung gleichkam."[08]

In den bosnischen Medien machten die verschiedensten Gerüchte die Runde, wobei allerdings die Aussagen nur in den seltensten Fällen belegt werden konnten. Die Verhaftung von fast einem Dutzend vermutlicher "Schläfer" algerischer und anderer Staatsangehörigkeit war zwar in aller Munde, jedoch nur die Namen von zwei Personen bekannt.
Ungeachtet aller Gerüchte und vielleicht tatsächlicher Vorgänge kehrte Lagumd¾ija aus Brüssel mit einem - zumindest europäischen - Freispruch heim, der im Wesentlichen besagte, Bosnien sei so sicher wie jedes andere Land Europas auch.
Die drohende internationale Isolation Bosniens löste jedoch auch ganz andere Entwicklungen aus. Emir Habul formuliert das so:

"Die gebündelte negative Aufmerksamkeit für Bosnien hatte aber auch ihre positiven Seiten, denn sie beschleunigte die Schaffung eines gesamtbosnischen Sicherheitssystems. War  vor dem 11. September die lückenlose Kontrolle der Staatsgrenze nicht vor dem kommenden Jahr zu erwarten, so wird die Bundesgrenzbehörde, wie die Dinge jetzt liegen - aufgrund der Terrorangst und der Abhängigkeit von internationalen Finanzhilfen - innerhalb eines Monats eingerichtet sein."[09]

Besondere Effekte zeitigte die Tatsache, daß Bosnien-Herzegowina immer noch ein Protektorat ist, in dem andere das Sagen haben. Was bisweilen als bittere Pille zur Stabilisierung des Landes geschluckt worden war, stößt nun als von der Internationalen Gemeinschaft forcierte Rechtsbeugung bitter auf: SFOR-Truppen nahmen - gemeinsam mit dem FBI - im Land Verhaftungen vor, bei denen die Landesbehörden zu Hilfssheriffs degradiert wurden. Emir Habul dazu:

"Die Situation der vergangenen 15 Tage in jenen Gebieten Bosniens mit einer bosniakischen Mehrheit läßt sich als Ausnahmezustand bezeichnen. SFOR-Einheiten haben eine Reihe von Verhaftungen von Sarajevo bis Visoko und Gora¾de bis Bihaæ vorgenommen, die so geheim waren, daß nicht einmal die örtlichen Behörden über die Vorgänge informiert waren."[10]

Rechtsstaatliche Regelungen, die unter dem Druck des Westens zustande gekommen waren, hatten über Nacht ihre Gültigkeit verloren:

"Unter dem Druck internationaler Organisationen wurde das Strafverfahrensrecht geändert, die Dauer für vorläufige Festnahmen auf 24 Stunden begrenzt und die Festgenommene erhielten das Recht auf Aussageverweigerung, wenn ihr Anwalt nicht anwesend war. Doch diese demokratischen Errungenschaften wurden in Bosnien in der Praxis mit Füßen getreten, und nun verlangen ausgerechnet westliche Vertreter auch noch, den Zeitraum für vorläufige Festnahmen auf sieben Tage auszudehnen. All das im Namen des Kampfes gegen den Terrorismus, obwohl es im flagranten Widerspruch zu sämtlichen Standards auf dem Gebiet der Menschenrechte steht."[11]

Am 12. Oktober trat der bosnische Innenminister, der parteilose Muhamed Besiæ, von seinem Amt zurück. Dieser Schritt brachte Bosnien-Herzegowina innen- wie außenpolitisch in eine äußerst schwierige Lage. Emir Habul schildert die Hintergründe dafür:

"Nach den Terroranschlägen vom 11. September kamen die Polizei und besonders der ihr vorstehende Minister unter großen politischen, diplomatischen und medialen Druck: Nicht daß die Bundespolizei, mit Besiæ an der Spitze, zu Beginn der Antiterrorkampagne gezögert hätte, sich daran zu beteiligen - ganz im Gegenteil: es war  ihr Übereifer, der die Ablehnung in der Öffentlichkeit hervorrief."[12]

Auf innenpolitischer Ebene wurde mit der Causa Besiæ offensichtlich, daß die seit Jahren gemachten Versprechungen einer Entpolitisierung des Polizeiapparats nichts als leere Worte waren und wie sehr jeder Innenminister von der Deckung durch solide Seilschaften in einer der mächtigen politischen Parteien abhängt. Auf außenpolitischem Terrain mußte die Affäre als Prüfstein für die Loyalität Bosnien-Herzegowinas gegenüber seinen westlichen "Partnern" herhalten. Über die Nachfolge Besiæ's hatte denn auch nicht die bosnische Regierung in Eigenregie, sondern in Abstimmung mit den Internationalen Polizeikräften zu entscheiden. Die USA zeigten sich jedenfalls höchst empört - war der Innenminister für sie doch die Schlüsselfigur im Antiterrorkampf Bosnien-Herzegowinas und der Garant für die Erfüllung der Verpflichtungen, welche die Regierungsallianz bei ihrem Amtsantritt eingegangen war. In einem Brief stellten die USA die Vertrauensfrage an die Regierung in Sarajevo. Dazu noch einmal Emir Habul im bereits weiter oben zitierten Artikel:

"Der Brief besagte unter anderem, daß (...) ‚die Seriosität der bosnischen Regierung ebenso in Frage stünde, wie die Beteiligung der SBiH (Partei für Bosnien-Herzegowina), an der Regierungsverantwortung.' Der Protest der amerikanischen Botschaft enthielt außerdem eine deutliche Warnung: Nach dem Satz, es sei das Recht der bosnisch-herzegowinischen Bevölkerung zu bestimmen, welche Partei sie in der Regierung haben wolle, folgte der Hinweis, daß es ‚ebenso das Recht der USA sei‚ ihre Partner zu wählen.' Diese ernste Drohung war zuallererst an Zlatko Lagumd¾ija als Kopf des führenden Blocks innerhalb der Regierungsallianz gerichtet. Der amerikanische Unmut sollte aus verschiedenen Gründen ernstgenommen werden: Der wichtigste ist, daß die Allianz vor allem als ein US-Projekt und mit Unterstützung der einflußreichen Länder des Westens an die Macht gekommen ist."[13]

Kosovo und Jugoslawien
Obwohl sich Kosovo weiterhin auf der US-Liste jener Länder und Regionen befindet, die zu den "favourite destinations for terrorists" gehören, scheint das Verhältnis der albanischsprachigen Bevölkerung zu Kosovos großem Freund - wie die USA von den Albanern gerne genannt werden - ungebrochen. Arbnora Berisha beschreibt die Stimmung im Kosovo unmittelbar nach den Terroranschlägen:

"Hinter dunklen Brillengläsern versteckte John Menzies, Chef des US-Büros in Prishtina, die Tränen in den Augen als er auf einer Gedenkveranstaltung zu Ehren der Terror-Opfer in den USA sprach. Die Führer der islamischen und katholischen Geistlichkeit neben sich, sagte Menzies, daß die USA der kosovarischen Bevölkerung niemals jene Unterstützung zurückzahlen könnten, die sie den Amerikanern und der US-Regierung nach den Anschlägen entgegengebracht habe. ‚Das hat uns geholfen, uns in unserem Schmerz nicht allein zu fühlen' , sagte Botschafter Menzies, während als Hintergrundmusik ‚God Save America' lief."[14]

In Belgrad schwankte man auf offizieller Seite anfangs zwischen Hoffnungen und Befürchtungen. Zum einen gab es eine Erwartungshaltung, daß der "Krieg gegen den internationalen Terrorismus", zu einer differenzierteren Sichtweise des Kosovoproblems durch den Westen führen würde, zum anderen die Sorge, daß die finanzielle Unterstützung für Jugoslawien verschoben oder reduziert werden könnte. In Belgrad schreibt Aleksandar Èiriæ Anfang Oktober für AIM:

" (...)Serbiens Vizepremier Neboj¹a Coviæ, der außerdem Chef des Koordinationsbüros für Kosovo und Metohija ist, sieht in den für den 17. November angesetzten Wahlen im Kosovo zusätzliche Unsicherheiten und Risiken. Der starke internationale Druck auf die Belgrader Regierung, die Serben Kosovos von einer Teilnahme an den Wahlen zu überzeugen, hat nach dem 11. September viel an Überzeugungskraft eingebüßt. Belgrad verfügt nun über noch stärkere Argumente, um auf effizientere Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz der Kosovoserben zu drängen, wenn man sich von ihnen eine Beteiligung an den politischen Institutionen des Kosovos erwartet.
Coviæ zufolge gibt es keinerlei Garantien dafür, daß das neugewählte Parlament nicht die Unabhängigkeit Kosovos erklären würde: 'Mehr als zwei Drittel der getöteten Serben wurden nach dem 20. Juni 1999 ermordet; zwei Drittel der vermißten Nicht-Albaner verschwanden nach dem Eintreffen von KFOR und UNMIK in der Provinz. Die Gewalt wurde nicht eingedämmt, es gibt keine Bewegungsfreiheit, ganz zu schweigen von den Unterlassungssünden, die Serben unter dem Schutz der internationalen Gemeinschaft zu integrieren. Als Folge davon verlassen die Serben weiterhin das Kosovo - warum sollten die Menschen nach all dem auf die den Schutz der internationalen Einsatzkräften vertrauen?"[15]

Makedonien und Albanien
Besonders stark wurden die New Yorker Anschläge in Makedonien für innenpolitische Zwecke instrumentalisiert. Führende Politiker witterten hier die ideale Gelegenheit, eine Verbindung zwischen UÇK-Aktivitäten in Makedonien und den Terrorakten in den USA herzustellen. Die Medien standen dem in Nichts nach: Um die Auflagen zu steigern, wurden die wildesten Spekulationen in Umlauf gebracht. Welche Dimensionen solche Wahnvorstellungen annehmen können, schildert ®eljko Bajiæ:

"Indem sie sich auf das öffentliche Kurzzeitgedächtnis verlassen, das nur wenige Monate anhält, ist Makedonischen Journalisten ein ‚Looping' gelungen: Dieser reichte von Behauptungen, daß die USA die UÇK verhätscheln würden, zur äußerst gängigen, aber mehr als dürftig belegten Aussage, die UÇK sei der verlängerte Arm Bin Ladens. Oder anders ausgedrückt - die Medien bedienten sich einer Kette von Schlußfolgerungen, die in etwa so lautete: die USA schützen die UÇK, diese führt die tödlichen Pläne von Osama aus - also kooperieren Amerika und Bin Laden!!! Und Makedonien ist ihr Hauptziel!"[16]

In wohl keiner Region wurde nach solchen Hirngespinsten der Al-Qaida-Chef so häufig gesehen wie in Makedonien. ®eljko Bajiæ berichtet von angeblichen Augenzeugen, die Bin Laden nach dem 11. September in verschiedenen Teehäusern albanischer Extremisten in Skopje gesehen haben wollen.
Wie weit hergeholt derlei Äußerungen auch klingen mögen, sie verschärfen natürlich das ohnehin sehr gespannte innermakedonische Klima. Darüber hinaus wurden von höchster offizieller Seite Anspielungen und Gerüchte lanciert, die das albanische Nachbarland in Mißkredit bringen sollten. Im allgemeinen politischen Kontext der bewaffneten Konflikte im Kosovo und in Makedonien und noch mehr nach den Septemberereignissen in den USA, rückte Albanien, Mitglied der Konferenz Islamischer Staaten, zunehmend ins Fadenkreuz selbsternannter Kulturkämpfer wie dem Makedonischen Premier Georgijevski. Dieser nutzte seine Besuche in Sofia und Thessaloniki Mitte September, um mitzuteilen, daß sich Bin Laden im vergangenen Jahr in Albanien aufgehalten habe. Diese Beschuldigung hatte zuvor auch schon der jugoslawische Innenminister Du¹an Mihailoviæ erhoben. Kurz darauf sah sich Belgrad - angesichts des albanischen Mißfallens - zu einem öffentlichen Dementi gezwungen.
Eine ähnliche diplomatische Abkühlung wie mit Jugoslawien erfolgte auch zwischen Albanien und Bulgarien - nachdem die bulgarische Presse in einer regelrechten Kampagne mit täglichen Berichten zu Bin Ladens Verbindungen mit Tirana aufgewartet hatte. Die Verschlechterung bilateraler Beziehungen hat seit dem 11. September wohl für die unterschiedlichsten Konstellationen auf dem Balkan traurige Gültigkeit: Gegenseitige Vorwürfe, die sich zum politischen Vorteil für die eine oder andere Seite ummünzen lassen; das beklemmende Gefühl, die Wunden des Krieges könnten schneller aufbrechen als erwartet; die Stigmatisierung ganzer Bevölkerungsteile oder auch die Auswirkungen der perversen Logik des Krieges, die jeden zum Verbündeten macht, der ein Feind des eigenen Feindes ist. All das prägt die Stimmung in Südosteuropa nach den Terroranschlägen vom 11. September.

(überarbeitete, aktualisierte Fassung, Stand: 12.01.2002)

 

* Beide sind MitarbeiterInnen des Europäischen Bürgerforums, Partnerorganisation des Alternativen Informationsnetzwerks unabhängiger JournalistInnen auf dem Balkan (Alternativna Informativna Mre¾a, AIM). Joachim Langer betreut den technischen Dienst und die Website von AIM, Katharina Hahn das AIM-Büro Österreich. Eine Vorstellung über Entstehung, Ziele, Struktur und Funktions­weise des Netzwerks ist auf Anfrage erhältlich beim: AIM-Büro Österreich, c/o Europäisches Bürgerforum, Lobnik 16, A-9135 Bad Eisenkappel/®elezna Kapla, Fax: +43 4238 87 054, Email: aim.austria@civic-forum.org.

Quellen:
[01] Igor Lasiæ: Under the Aegis of Anti-Terrorism: Anti-Islamic Fervor. AIM Zagreb, 25.09.2001. Englische Fassung im AIM-Dossier: www.aimpress.ch/dyn/dos/archive/data/2001/11012-dose-01-07.htm (Stand: 12.01.2002)
[02] Ebd.
[03] Ebd.
[04] Jelena Lovriæ: Croatia After Terrorist Attacks Against the USA. AIM Zagreb, 20.09.2001. Englische Fassung im AIM-Dossier: www.aimpress.ch/dyn/dos/archive/data/2001/11012-dose-01-06.htm (Stand: 12.01.2002)
[05] Branko Periæ: Bosnia & Terrorism. AIM Banja Luka, 27.09.2001. Englische Fassung im AIM-Dossier: www.aimpress.ch/dyn/dos/archive/data/2001/11012-dose-01-03.htm (Stand: 12.01.2002)
[06] Ebd.
[07] Emir Habul: Spectre of Terrorism Uniting Sworn Enemies. AIM Sarajevo, 28.09.2001. Englische Fassung im AIM-Dossier: www.aimpress.ch/dyn/dos/archive/data/2001/11012-dose-01-04.htm (Stand: 12.01.2002)
[08] Emir Habul: Why was the US Embassy Closed? AIM Sarajevo, 22.10.2001. Englische Fassung im AIM-Dossier: www.aimpress.ch/dyn/dos/archive/data/2001/11012-dose-01-16.htm (Stand: 12.01.2002)
[09] Ebd.
[10] Emir Habul: Spectacular Military-Police Operations. AIM Sarajevo, 09.10.2001. Englische Fassung im AIM-Dossier: www.aimpress.ch/dyn/dos/archive/data/2001/11012-dose-01-13.htm (Stand: 12.01.2002)
[11] Ebd.
[12] Emir Habul: Police Minister's Resignation Angered the Americans. AIM Sarajevo, 16.10.2001. Englische Fassung im AIM-Dossier: www.aimpress.ch/dyn/dos/archive/data/2001/11012-dose-01-17.htm (Stand: 12.01.2002)
[13] Ebd.
[14] Abnora Berisha: „Mutual“ Solidarity. AIM Prishtina, 25.09.2001. Englische Fassung im AIM-Dossier: www.aimpress.ch/dyn/dos/archive/data/2001/11012-dose-01-08.htm (Stand: 12.01.2002)
[15] Aleksandar Èiriæ: Expectations, Apprehension, and Disappointment. AIM Belgrad, 08.10.2001. Englische Fassung im AIM-Dossier: www.aimpress.ch/dyn/dos/archive/data/2001/11012-dose-01-10.htm (Stand: 12.01.2002)
[16] ®eljko Bajiæ: Where Were You, Bin Laden?! AIM Skopje, 24.09.2001. Englische Fassung im AIM-Dossier: www.aimpress.ch/dyn/dos/archive/data/2001/11012-dose-01-09.htm (Stand: 12.01.2002)

verfasst von Kathi Hahn, Jochen Langer,  25.02.2002, eingestellt von martin.admin
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