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ANDALUSIEN: Aktuelles aus dem Plastikmeer

Seit dem Jahr 2000, in dem es zu pogromartigen Ausschreitungen in El Ejido, Südspanien kam, informieren wir immer wieder über die Situation dort und über die Arbeit des SOC (andalusische Landarbeitergewerkschaft) mit den ausländischen Landarbeiterinnen und -arbeitern im Plastikmeer. Federico Pacheo, von der SOC-Almeria schickt uns diesen Zwischenbericht.


Aktuelles aus dem Plastikmeer


Seit dem Jahr 2000, in dem es zu pogromartigen Ausschreitungen in El Ejido, Südspanien kam, informieren wir immer wieder über die Situation dort und über die Arbeit des SOC (andalusische Landarbeitergewerkschaft) mit den ausländischen Landarbeiterinnen und -arbeitern im Plastikmeer. Federico Pacheo, von der SOC-Almeria schickt uns diesen Zwischenbericht.
Die allgemeine Wirtschaftskrise hat in Spanien zu einer beträchtlichen Steigerung der Arbeitslosigkeit geführt. In Andalusien sind 25% der Bevölkerung davon betroffen – vor allem aufgrund des Zusammenbruchs vom Bau- und Immobiliensektor.
Im intensiven Gemüse- und Obstanbau von Almeria, dessen Produktion zum größten Teil für den Export bestimmt ist, hat sich hingegen kaum etwas verändert. Sowohl die produzierte Menge als auch der Umsatz sind gleich geblieben. Die Unternehmen nutzen die gesteigerte Anfrage nach Arbeit aus, um ihre Angestellten beliebig auszutauschen. Sie kündigen regelmässig den älteren ArbeitnehmerInnen um Neue einzustellen. Auf diese Weise können sie verhindern, dass die Arbeiterinnen und Arbeiter einen legalen längerfristigen Status1 erlangen, der ein regelmäßiges Einkommen und mehr Rechte mit sich brächte. Außerdem führen die Einschränkungen beim Zugang zu Krediten und die sehr niedrigen Einkaufspreise, die den Landwirten von den internationalen Großhandelsketten aufgezwungen werden dazu, dass immer mehr kleine Betriebe in Konkurs gehen und sich immer mehr Land in den Händen der Grossunternehmen konzentriert. Diese wiederum erhalten Kapital aus dem Ausland. Einige von ihnen haben angefangen „biologisch“ zu produzieren, was jedoch nichts an den Arbeitsbedingungen und Umgangsformen mit den Arbeitenden ändert. Die ausländischen Tagelöhner in diesen Betrieben sind permanenten Polizeischikanen ausgesetzt; der Zugang zu einer Regularisierung und Familienzusammenführung ist äusserst restriktiv. Sie sind stigmatisiert; ihnen wird die Schuld an den wirtschaftlichen Problemen zugeschoben.


Die Arbeit der Gewerkschaft


Die SOC-Almeria führt in diesem Zusammenhang ihr Programm für die Verteidigung der Rechte der SaisonarbeiterInnen und die Ausbildung zur Selbstorganisation fort und weitet es aus. Nachdem sich die individuellen und kollektiven Konflikte aufgrund von Entlassungen und nicht gezahlten Löhnen vermehrten, war es notwendig, die juristische Arbeit zu verstärken. Die juristische Gruppe setzt sich aus einem marokkanischen Mediator und zwei Juristinnen mit Halbtagsanstellung zusammen, wobei die eine im Arbeitsrecht und die andere im Ausländerrecht spezialisiert ist. Sie koordinieren sich mit einem Anwalt. Neben der juristischen und behördlichen Arbeit finden regelmässig Besuche in den Betrieben, den Unterkünften und den Treffpunkten der ArbeiterInnen der ganzen Umgebung statt. Drei Gewerkschafter (ausländischer Herkunft), wenn notwendig in Begleitung der JuristInnen, sind unterwegs um die ArbeiterInnen über ihre Rechte zu informieren, Zusammenkünfte und Streiks zu unterstützen und zu versuchen eine Mediation an Ort und Stelle durchzuführen. Spitou Mendy, Senegalese und Abdel Kadar, Marokkaner, kümmern sich seit Jahren um die Koordination der Gewerkschaftsarbeit im Landwirtschaftssektor. Seit Juli 2011 unterstützt Mbarka, eine junge Marokkanerin, halbtags ausländische Frauen, die im Verpackungs-Sektor von Obst und Gemüse arbeiten. Diese neue Aktivität wurde durch die Intervention der SOC bei verschiedenen Konflikten in diesem Sektor, durch den Erfolg beim Kampf für die Rechte der Saisonarbeiterinnen und dank der finanziellen Unterstützung des Solifonds2 ermöglicht.


Ein Erfolg


Im Jahr 2011 konnte die SOC für die Rechte der LandarbeiterInnen neue Erfolge erzielen, die sehr wichtige Präzedenzfälle für die Zukunft darstellen: Unter dem Druck der Konsumenten verschiedenener Länder Europas, insbesondere der Schweiz, mussten einige Unternehmen endlich die Gesetzgebung im Arbeitsrecht respektieren und die Bedingungen für die Arbeitnehmer-Innen im Obst- und Gemüsesektor verbessern. Beim Konflikt mit Biosol 3 konnten sechs der entlassenen Frauen, die in der Verpackungsindustrie gearbeitet hatten,  mit  einem einvernehmlichen Vertrag wieder eingestellt und sechs weitere, trotz Widerstandes des Unternehmens, korrekt entschädigt werden. Die Intervention von BioSuisse als Mediator, sowie die entschiedene Haltung von Coop (größte Schweizer Supermarkt-Kette) haben zu einem einvernehmlichen Vertrag zwischen dem Unternehmen und der SOC geführt. Dadurch konnte nicht nur eine Lösung für das ursprüngliche Problem, sondern auch eine Form der permanenten Diskussion, getragen von den Mediatoren, gefunden werden. Nach einem langen Kampf im Unternehmen New England Growers, erhielten sechs marokkanische Arbeiter einen festen Status, mit dem sie ihre Rechte weitaus besser geltend machen können. Die Informationskampagnen über die Arbeitsbedingungen in Almeria und die Unterstützung von ausländischen Gewerkschaften und Organisationen wie das Europäische BürgerInnenforum oder Gewerkschaften, waren für das Gelingen dieser neuen Strategie der Verteidigung der Rechte der LandarbeiterInnen entscheidend.


Ausbildung als Vorbereitung  auf die Zukunft



Natürlich ist es sehr wichtig, in möglichst vielen Fällen auf die Ungerechtigkeit zu reagieren. Genauso wichtig ist es jedoch, parallel dazu Ausbildungsprogramme durchzuführen, bei denen die ausländischen ArbeiterInnen lernen, sich zu organisieren und ihre Rechte  selbst zu verteidigen. In den drei Lokalen der SOC, El Ejido, San Isidro (Nijar) und der Stadt Almeria sowie im Lokal des Vereins Amepaz in der Gemeinde von Mojonera werden Alphabetisierungskurse so wie Lehrgänge für Mediation und soziales Recht gehalten. Eine Ausbildungskommission, die von freiwilligen MitarbeiterInnen und von Pädagogen geleitet wird, koordiniert und unterstützt die verschiedenen Aktivitäten. Für die Angestellten von BioSol und New England findet beispielsweise alle zwei Wochen im Lokal von San Isidro ein Lehrgang für juristische und gewerkschaftliche Ausbildung statt. Ziel ist, den Ausbildungskandidaten das notwendige Werkzeug zur Verteidigung ihrer Rechte in die Hand zu geben. Sie soweit auszubilden, dass sie in der Lage sind, andere ArbeiterInnen zu beraten, als Mediatoren zu fungieren und vielleicht sogar eine Gewerkschaftssektion in ihrem Betrieb zu gründen. Die verschiedenen möglichen Aktivitäten in den Lokalen der SOC in El Ejido und San Isidro, wie z.B. der Arabischkurs, Videoprojektionen oder Internetzugang, machen aus ihnen einen beliebten Treffpunkt und Ort des Informationsaustausches für hunderte von Immigranten.


1. Der (die) „Festangestellte“ arbeitet das ganze Jahr mindestens 40 Stunden/Woche, mit einem Monat Urlaub/Jahr. Der (die) „Festangestellte mit Unterbrechung“  arbeitet nur während der Hochsaison und je nach Bedarf des Arbeitgebers. Im Gegensatz zum Saisonarbeiter hat er (sie) ein Recht auf Wiedereinstellungsgarantie für das nächste Jahr. Im Fall der Entlassung, bekommt er (sie) Arbeitslosengeld, das nach  der Anzahl der Arbeitsjahre berechnet wird.
2. Ein Solidaritätsfonds der Schweizer Gewerkschaften
3. Siehe Archipel No195, Juli-August 2011, LandarbeiterInnen wehren sich


 

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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 201 (02/2012)

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