BUCHBESPRECHUNG: Tödliche Idylle
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In die Nähe Kusturicas meinte jemand Kim Mehmetis Roman "Das Dorf der verfluchten Kinder" rücken zu müssen. Wenn Underground zur Idylle geworden ist, wird Mehmetis Buch womöglich als Liebeslied verstanden. Das ist es nicht.


Kim Mehmeti ist einer der wenigen Publizisten Mazedoniens, die sowohl auf albanisch als auch mazedonisch veröffentlichen. Damit ist er den Ultras der beiden großen Bevölkerungsgruppen seit langem ein Dorn im Auge. Dass er als Redakteur des unabhängigen Informationsnetzwerkes AIM seit Beginn der jugoslawischen Sezession gemeinsam mit anderen JournalistInnen sich öffentlich gegen den Nationalismus bekannte sowie für Dialog und Miteinander schrieb, trug dazu sein Übriges bei. Und er übersetzt - das allein ist schon eine Metapher in vielen Teilen der ehemals jugoslawischen Republiken.


Nichtsdestotrotz ist Mehmeti dem Albanischen - seiner Muttersprache - eng verbunden. In seinem nun in deutscher Übersetzung erschienenen "Dorf der verfluchten Kinder" erzählt ein Greis die Geschichte seines in den Bergen gelegenen Heimatdorfes. Die Geschichte, die nie aufgeschrieben worden sei, weil schon der Beginn seines Dorfes sich nicht klären ließe. Der Mann berichtet vom Schweigen als Hüterin des vermeintlich Unumstößlichen. Kein Wort zuviel, keine unnötige solidarische Geste - das Beschweigen allseits bekannter Ereignisse soll dem Dorf die Kontinuität wahren helfen. Die Alten "verschwiegen ihre eigene Vergangenheit und die ihrer Vorväter, sie hatten keinen anderen Wunsch, als dass die Erde möglichst rasch bedeckte, was sie wussten, so dass die Lebenden nur noch die Auswahl zwischen Vergessen und kurzzeitiger Erinnerung hatten. Auch auf die Gefahr hin, dass das, was sich über Jahrhunderte im Dorf entwickelt hatte, nur in Bruchstücken erhalten blieb, losgelöst - ohne einen Anfang und ein Ende - sogar dann, wenn es gar nicht um das ganze Dorf, sondern um das Leben von Individuen ging."


Bevor sich auch über seiner eigenen Erinnerung ein Grabhügel wölbt, scheint der Mann berichten zu müssen. In einem Fluss durchzieht seine Erzählung die Tragödie des Dorfes, die jedem Fremden unbekannt bleiben sollte. Erscheint der Alte anfangs lediglich als Mitwisser, so führt seine Erzählung auf langen Umwegen zu seiner eigenen Täterschaft. Jede Tat für sich mag so gering und in der Beiläufigkeit verzeihlich anmuten - in der Summe ergibt sich stummer Schrecken über alles Geschehene. Fehdemord und wieder Rache, Drogenhandel und betrogene Liebe: die Dorfidylle entkleidet sich zum Monstrum.


Joachim Röhm als Übersetzer hat wiederholt Arbeiten von Kim Mehmeti ins Deutsche übertragen. Mit dem vorliegenden Roman ist es ihm zweifelsfrei gelungen, die in unseren Breiten nahezu vergessene Erzählkunst mit zu übertragen, die ein Ereignis mit dem anderen verwebt.


Kim Mehmeti schreibt hier nicht bloß über das behütende wie tödliche Wirken von Tradition und Isolation. "Das Dorf der verlorenen Kinder" mag vielmehr verstanden werden als Fabel des Zusammenbruchs Jugoslawiens. Die Begrenztheit der Welt auf das Heimatdorf, die mythische Überhöhung der eigenen Geschichte, das Schweigen und Bewahren auch um den Preis von Menschenleben – Symbol reiht sich hier an Symbol. Am Ende blüht ein "Tränengarten", jener Ort stiller Trauer um die Toten, in allen erdenklichen Farben und Düften. Vielleicht war es diese schmerzhaft-schöne Paradoxie, die zum Vergleich mit Kusturica verführte.


Kim Mehmeti: Das Dorf der verfluchten Kinder. Roman. Aus dem Albanischen von Joachim Röhm. 160 Seiten, 18,00 Euro. Drava Verlag, Klagenfurt/Celovec 2002.


 


 


 

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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 102 (02/2003)

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