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DOSSIER UMWELT: Wälder aus den USA in Europa verbrannt

Unter dem Deckmantel der «Grünen Energie» werden Wald und Feuchtgebiete kaputt gemacht. Ein Netzwerk in den USA, die Dogwood Alliance wehrt sich gegen diesen Raubbau. Nick Bell, der in derselben Problematik in Südfrankreich aktiv ist*, hat Scot Quaranda beim Biofuelwatch-Treffen «Kampf ums Klima» Anfang Februar in London getroffen.
 Die Dogwood Allianz wurde im Jahr 1996 mit dem Ziel gegründet, die Wälder im Süden der Vereinigten Staaten zu schützen, die weltweit zu den artenreichsten und aussergewöhnlichsten zählen. Unser Netzwerk besteht aus mehr als 75 Gruppen, die sich unserer Kampagne angeschlossen haben. Unser Gebiet erstreckt sich von Virginia die atlantische Küste entlang, weiter nach Westen, entlang der Golfküste Richtung Arkansas, und schliesst alles mit ein: die Laubwälder in den Feuchtzonen und Überschwemmungsgebieten bis zum Süden der Appalachen, eine Region mit einer der grössten Biodiversität der Welt. Wir wollten auf die enorme Steigerung der Papierproduktion in unserer Region reagieren, die weltweit die grösste ist. Wir wollten konkrete Änderungen in der Forstwirtschaft erreichen und verhindern, dass natürlich gewachsene Wälder zu Nadelbaumpflanzungen gemacht werden. Heute beobachten wir die massive Entwicklung einer neuen Industrie, die der Holz-Pellets (gepresste Kügelchen aus Sägespänen). Diese werden nach Europa transportiert, wo mit ihnen Elektrokraftwerke gefüttert werden.1 Das heisst, unsere Wälder werden in Europa verbrannt, um Elektrizität herzustellen – und das im Namen des Klimaschutzes.
Kahlschläge
In Wirklichkeit hat das katastrophale Auswirkungen auf unser Klima, unsere Wälder und unsere Gemeinden. In den letzten fünf Jahren haben rund zwanzig Fabriken angefangen, Pellets zu produzieren und dreissig weitere sind geplant. Ihre Produktionskapazität ab 2016 wird auf 6 Millionen Tonnen jährlich geschätzt. Aufgrund der Papierindustrie und noch zusätzlich wegen der Herstellung von Biomasse, wurden die natürlichen Laubwälder zu Nadelbaumpflanzungen transformiert. Ein alter Wald wird zerstört und Baumpflänzchen werden, unter Anwendung von chemischen Dünge- und Unkrautvertilgungsmitteln, in langen Reihen an dessen Stelle gesetzt. Ungefähr 60 Prozent unserer Wälder und Feuchtzonen sind von diesen Kahlschlägen betroffen. Die Gebiete werden entwässert und neu bepflanzt. So verlieren wir alles, was die Wälder unserer Gesellschaft gebracht haben: Schutz vor Überschwemmungen, Trinkwasserzufuhr, Lebensraum für eine ganz spezifische Fauna und Flora. Leider sind 90 Prozent der Wälder im Süden der USA privat und haben keinen wirklichen Rechtsschutz2. In einem einzigen Staat gibt es eine Reglementierung, wonach man die Behörden über jeden Holzschlag informieren sollte. Im Grossen und Ganzen kann man also mit seinem privaten Wald machen, was man will.
Gemeinden wehren sich
Wir waren auf den Einbruch der Pellets-Industrie nicht vorbereitet, doch der Widerstand weitet sich zunehmend aus. Im November 2014 haben zum Beispiel 50.000 Personen Botschaften an den britischen Minister für Energie und Klimawandel geschickt, in denen sie ihn auffordern, seine Politik zu ändern und so unsere Wälder zu schützen.3 Solche Briefe gingen auch an den Zuständigen für Umwelt und Klima in der Europäischen Kommission. Es hat sich auch eine starke Opposition in den Gemeinden gebildet, in denen sich die Pellets-Fabriken niedergelassen haben. In diesen Ortschaften ist das Leben durch den Lärm, den allgegenwärtigen gesundheitsgefährdenden Holzstaub, das Brandrisiko und den vermehrten Lastwagenverkehr ernsthaft in Gefahr. Anfangs haben die Verantwortlichen behauptet, dass ausschliesslich aus Ästen und anderem Holzabfall (von Sägewerken etc.) Pellets produziert würden, aber nachdem die Nachfrage immer grösser wurde, haben sie damit begonnen, ganze Bäume zu verwenden. Darauf folgten die Kahlschläge. Die Stämme werden zu winzigen Stückchen gehäckselt oder aber zu Sägemehl gemahlen, um dieses dann zu komprimieren; ein sehr energieaufwändiger Vorgang. Züge bringen die Pellets zum Hafen, wo sie in Richtung Europa verfrachtet werden. Nach der Fahrt über den Ozean müssen sie schliesslich zur Verbrennung in die verschiedenen Elektrizitätswerke transportiert werden. Die Wälder im Süden der USA fangen 15 Prozent des Kohlenstoffs auf, der in den Vereinigten Staaten anfällt. Wir sind also dabei, unsere Kohlenstoffspeicher zu zerstören, um im Endeffekt die Umweltverschmutzung in Europa durch die Kohlenstoff-Emission der Pellets-Kraftwerke zu erhöhen4
Vor zwei Jahren haben wir Dokumente entdeckt, die aufweisen, dass der amerikanische Landwirtschaftsminister genetisch veränderte Weihrauchkiefern, die noch schneller wachsen, zugelassen hat. Diese Sorte reift in fünf bis sieben Jahren. Es besteht somit die Gefahr, dass zu der extremen Bodenübernutzung auch noch die Kontaminierung unserer Wälder durch genveränderte Pollen kommt.
Das grösste Pellets-Unternehmen in den USA heisst Enviva. Es produziert Pellets aus dem Holz der Laubwälder in den Küstenregionen, die zum Grossteil Feuchtzonen sind. Ihre Hauptaktivität findet im Nordosten von Carolina und im Südosten von Virginia statt. Dort haben sie drei Fabriken und benützen fast ausschliesslich Laubholz. Eine dieser Fabriken hat Enviva im Gebiet von Northampton in Nordcarolina mitten in einer alten afro-amerikanischen Gemeinde aufgestellt. Diese Gemeinde hat schon wiederholt Beschwerde wegen des Lastwagenverkehrs eingereicht, der Lärm und Gefahren auf der Strasse verursacht. Ausserdem beschweren sich die Einwoh-ner_innen wegen des ganzen Geldes, das in den Betrieb gesteckt wurde, statt dass man sich um die Gesundheit der Bevölkerung sorgt. Die zuständigen Stellen schweigen dazu.
Proteste gegen die EU
Forschungen haben ergeben, dass es keine gute Lösung ist, ganze Bäume zu verbrennen, um Strom zu erzeugen. Wissen-schaftler_innen im Süden der Vereinigten Staaten, Expert_in-nen auf diesem Gebiet, haben protestiert, nachdem ihnen klar wurde, dass die Europäische Energiepolitik die Ausweitung dieser Industrie fördert. Sie haben einen Appell an die Europäische Union und an die britische Regierung formuliert, in dem sie erklären, dass dies keine gute Idee für unser Klima ist. Wir haben Partner_innen in Grossbritannien und in der EU, die diese politischen Entscheidungen und die damit einhergehenden Subventionen für die Pellets-Industrie anfechten. Leider haben wir einige Umstellungen bei Unternehmen wie Drax sehen müssen. Hier wurden zwei ihrer Kohlekraftwerke (von 300 MW) zu Biomasse-Kraftwerken umgebaut. Dasselbe soll mit zwei weiteren Kohlekraftwerken geschehen. Wir wollen unbedingt eine Kürzung der Subventionen für solche Umstellungen erreichen, denn ohne die finanzielle Unterstützung wird es für Drax wesentlich schwieriger, diesen Industriezweig zu entwickeln.
Wir wollen aufzeigen, dass unsere Wälder als Kohlenstoffspeicher, als Quelle von sauberem Trinkwasser, als Hort verschiedener Tier- und Pflanzenarten und zur Vorbeugung von Überschwemmungen viel nützlicher sind. Die Wälder sollen auch wieder mit natürlich wachsenden Bäumen und mit schönen Holzprodukten aufwertet werden.

*Nicolas Bell vom EBF ist bei SOS Forêts du Sud, insbesondere gegen das Biomasse-Elektrizitätswerk von E.On in Gardanne (Nähe Marseille) und im Réseau Alternative Forestière engagiert.

1. Es gibt eine kleine Biomasse-Industrie in den USA mit Kraftwerken von 20 oder höchstens 50 MW. Die wirkliche Anfrage kommt aus Europa.

2. Die Gesetzgebung ist von Staat zu Staat verschieden und die Reglementierung in den Nordstaaten ist strenger als die in den westlichen Staaten.

3. Grossbritannien ist das Land mit der am stärksten entwickelten Biomasse-Industrie. Allein das Kraftwerk von Drax wird 16 Millionen Tonnen Pellets jährlich brauchen. Der Bedarf aller zugelassenen Kraftwerke zusammen kommt auf 60 Millionen Tonnen jährlich, von denen fast alles importiert werden wird.

4. Die Frage des Kohlenstoffs und des Einflusses der Biomasse-Industrie auf das Klima ist komplex. Scott Quaranda erklärt dies ausführlicher im Interview, das Sie auf französisch auf der Webseite des EBF lesen können. Kontact: scot(a)dogwoodalliance.org; www.dogwoodalliance.org

 

 

verfasst von Scot Quaranda, Dogwood Alliance,  28.05.2015, eingestellt von ute
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 237 (05/2015)

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