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SPANIEN: Aguante Somonte! Tierra y libertad!

Widerstand Somonte! Land und Freiheit! «Unsere Philosophie könnte man so zusammenfassen: das Land, die Luft und das Wasser sind eine Gabe der Natur, die sich niemand zu seinem persönlichen Profit oder für seine persönliche Bereicherung aneignen darf. Der Boden ist öffentliches Gut, Besitz des Volkes, zugunsten jener die darauf leben und arbeiten. Wenn aber das Land niemandem gehört, ist das Eigentum von Boden Diebstahl. Deshalb fordern wir die Enteignung ohne Entschädigung ...1
Dreissig Jahre nach der grossen Epoche massiver Landbesetzungen knüpft die andalusische Landarbeitergewerkschaft (Sindicato de Obreros del Campo - SOC) an diese Tradition an. Am 4. März um 11 Uhr morgens besetzen 500 Landarbeiter und Mitglieder der Gewerkschaft das Landgut Finca Somonte, das sich auf den fruchtbaren Böden der Ebene des Guadalquivir in der Nähe von Palma del Rio in der Provinz von Cordoba befindet. Dieses Gut von 400 Hektare, 40 davon mit Bewässerung, ist Teil von 20.000 Hektare, welche die Junta – die sozialistische Regierung in Andalusien – versteigern will. Der Verkauf und die Privatisierung der Finca Somonte war eben für den 5. März geplant; die Besetzung kam dem zuvor. Wer hat im heutigen Spanien, das unter einer brutalen wirtschaftlichen Krise leidet, mit 25% Arbeitslosigkeit, bei den Jungen gar 50% 2, überhaupt die notwendigen Mittel für einen Landkauf? Eine superreiche Familie, eine Bank oder eine andere Finanzinstitution? Auf alle Fälle nicht die Einwohner von Palma del Rio – ein Dorf mit 1700 Arbeitslosen.


Die Besetzer organisieren sich


Die Besetzung unter dem Slogan «Aguante Somonte, Tierra y Libertad» dauert jetzt schon seit über drei Wochen. Dreissig Leute aus den umliegenden Dörfern richten sich vor Ort ein, beginnen den Boden zu bearbeiten und Salate, Tomaten, Kartoffeln, Zwiebeln und anderes Gemüse anzupflanzen, vor allem für den Eigenbedarf. Dutzende von Helfern aus ganz Andalusien kommen tagtäglich, um die Besetzung zu unterstützen. Darunter auch zwei ältere Männer, die diesen Hof sehr gut kennen - sie arbeiteten jahrelang auf diesem Gut. Sie bringen ihre Erfahrungen mit und erklären den anderen, dass die Böden sehr fruchtbar sind, aber bis heute nicht wirklich genutzt wurden. Ein achtzigjähriger Nachbar schenkt ihnen Handhackgeräte, die in der heutigen Intensivlandwirtschaft nicht mehr benutzt werden. Andere wiederum kommen mit Saatgut, Pflanzen, Hühnern ... Auch die Wohngebäude werden eingerichtet, um alle Besetzer empfangen zu können. Ein Elektriker von Fuente Carreteros und ein Spengler aus Palma del Rio helfen mit. Alle Entscheidungen werden an den täglichen Versammlungen getroffen. Kommissionen werden eingesetzt, die sich um die Logistik, den Kontakt mit den Medien, Unterhalt, Essen, Gartenarbeit etc kümmern.
Der Hof liegt 50 km von Marinaleda entfernt, einer Bastion der SOC. Die Gemeinde hat dort eine Konserverie und Werkstätten eingerichtet, welche die Produkte von Somonte verarbeiten könnten. Die SOC rechnet damit, dass in einer ersten Etappe der bewässerbare Teil Arbeit für fünfzig Menschen schafft. Längerfristig könnten auf dieser Domäne viel mehr Menschen leben, dank einer «sozialen Kultur» des Gutes.
Die Besetzer wollen keine Genossenschaft mit Lohnabhängigen schaffen, sondern eine «Kooperative des Widerstands» als Überlebenshilfe und Aufenthaltsort für viele Menschen, die von der Krise betroffen sind. Auf regionaler und nationaler Ebene kommt die Unterstützung nicht nur von Gewerkschaften sondern auch von ökologischen Bewegungen, von Vertretern der biologischen Landwirtschaft und von städtischen Gruppen.
Am 8. März begibt sich eine Delegation ins Landwirtschaftsdepartement von Sevilla, um die Annullierung des Verkaufs zu verlangen. Ausserdem fordert die Abordnung, dass dieses Land einer Kooperative von Arbeitern zur Verfügung gestellt wird. Eine gleichzeitige Demonstration der SOC mit über tausend Teilnehmern unterstützt diese Forderungen.


Geschichtlicher Rückblick


Im Jahr 1978 organisierte die SOC, die erst zwei Jahre zuvor, (nachdem der Diktator Franco 1975 gestorben war), legalisiert worden war, die ersten Landbesetzungen seit dem spanischen Bürgerkrieg. Im Visier war vor allem Grossgrundbesitz von aristokratischen Familien, wie die 17.000 Hektare von Graf del Infantado, die Landarbeiter im Jahr 1985 von Marinaleda aus besetzten. Die SOC ist zweifellos die einzige europäische Gewerkschaft, die sich öffentlich für eine Landreform einsetzt.
Im Laufe ihrer Geschichte hatte sie teilweise Erfolg und konnte auf den besetzten Gütern Kooperativen gründen. Die Repression war damals sehr stark; Hunderte von Landarbeitern wurden vor Gericht gestellt. Damals organisierten wir3 eine internationale Solidaritätskampagne: es fanden Informationstourneen in ganz Europa statt, und es wurden Delegationen von Prozessbeobachtern in die Gerichtsverhandlungen geschickt.
Räumung nach den Wahlen?
Die konservative Partei «Parti Popular (PP)» hat bei den diesjährigen Regionalwahlen vom 25. März 50 von 109 Sitzen im andalusischen Parlament erreicht. So verfehlt die PP die absolute Mehrheit eindeutig, die sie angestrebt hatte. Trotzdem ist es das erste Mal seit Ende der Franco-Diktatur, dass die Rechten in Andalusien die stärkste Fraktion bilden. Doch es ist alles andere als sicher, ob die PP regieren wird. Denn die Sozialisten behalten 47 Sitze und die Vereinigten Linken haben mit 12 Sitzen ihre Anzahl verdoppelt. Sie könnten sich gegen die Rechten verbünden. Es ist zu hoffen, dass dies den Besetzern zugute käme. Die Gefahr einer Vertreibung der Landbesetzer auf Befehl der Junta durch die guardia civil kann jedoch nach wie vor nicht ausgeschlossen werden, obwohl Aktionen wie die Landbesetzung bei der jetzigen Krise sehr populär sind und die Wut der Bevölkerung auf die Regierung gross ist. Mehrere Mitglieder und Sympathisanten der SOC sind wegen ihrer Beteiligung an der Besetzung angeklagt worden. Am 13. April sollen sie vor Gericht erscheinen. Deshalb will die SOC an diesem Tag eine grosse Demonstration durchführen und danach an den  zwei darauffolgenden Tagen, am 14. und 15. April, ein Treffen mit den Unterstützungskomitees organisieren. Während einer Versammlung am 10. März auf der Finca Somonte hat «die permanente Kommission der andalusischen Arbeitergewerkschaft (SAT)», zu der die SOC gehört, mehrere Entscheidungen getroffen. Sie fasst weitere Landbesetzungen in den verschiedenen Provinzen Andalusiens ins Auge. Sie appelliert an die Mitglieder der Gewerkschaft und darüber hinaus an die Arbeitslosen, Land zu besetzen und Kooperativen zu gründen. Die SAT will eine Plattform über Ernährungssouveränität gründen, die langfristig an einer Landreform und an der Bildung von Kooperativen arbeiten soll.
Die SOC hat inzwischen einen Solidaritätsappell veröffentlicht, auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene. Dies geht uns alle an! Eine europäische Präsenz an Ort wäre von grosser Hilfe und würde einen Polizeieinsatz zur Räumung des Gutes erschweren. Für den Augenblick ist es wichtig, Unterstützungsbriefe an die unten angegebene elektronische Adresse zu schicken.
«Diese Aktion soll der Anfang einer Agrarrevolution sein, die uns in dieser Periode von Arbeitslosigkeit, Knappheit und der neoliberalen Betrügereien so sehr fehlt. Um heute mit Würde überleben zu können,  muss jede Alternative über den Kampf um den Boden, für eine bäuerliche Landwirtschaft und für die Ernährungssouveränität gehen ...»4 Auch wenn die Regierung schon mehr als die Hälfte der 20.000 Hektare verkauft hat, können immer noch 8.000 Hektare besetzt werden ...


Nicholas Bell
Europäisches BürgerInnenforum
nicholas.bell@gmx.net
Für mehr Infos: www.sindicatoandaluz.org und somontepalpueblo@gmail.com
Bankkonto Solidaritätskasse:
Name: Sindicato de Obreros del Campo y Medio Rural
Kontonummer: 2024 6035 36 3305503517
IBAN: ES09 2024 6035 36 3305503517
BIC/SWIFT: CECAESMM 024
Bank: BBK BANK CAJASUR S.A.U.
Land: ES, Bureau: Posadas-Gaitan
Adresse: C/ Gaitan, 22 Esquina a C/ Mesones



1. Auszug des Programms für eine Agrarreform, über das am 3. Kongress der SOC in Marinaleda im Oktober 1983 abgestimmt wurde
2. In Andalusien sind die Zahlen noch dramatischer, die Arbeitslosigkeit übersteigt 30%
3. Es handelt sich um das CEDRI (Europäisches Komitee zur Verteidigung der Flüchtlinge und Gastarbeiter), Vorläufer des EBF (Europäisches BürgerInnenforum), gegründet von Longo Mai. 1985 wurde die Broschüre «Land und Freiheit - der Kampf der Landarbeiter in Andalusien», publiziert
4. Schlussfolgerung der ersten Mitteilung der Besetzer von Somonte am 4. März 2012

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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 203 (04/2012)

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