Ernährung & AgrarpolitikDer industriellen Landwirtschaft Grenzen setzen |
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In Mecklenburg-Vorpommern, in der kleinen Ortschaft Alt Tellin, soll Europas größte Ferkelaufzucht-Anlage gebaut werden. Der niederländische Agrarindustrielle Adriaan Straathof plant die Produktion von 250.000 Ferkeln im Jahr mit 10.000 Mutterschweinen.
Für den Anbau von Soja werden Tausende Kleinbauern in Lateinamerika, wie z.B. in
Die zwei weit voneinander entfernten Auswüchse industrieller Landwirtschaft stehen in unmittelbarem Zusammenhang. Das enorme Wachstum der Soja-Monokulturen in Brasilien, Argentinien, Paraguay und Bolivien ist der ständig steigenden Nachfrage nach eiweißhaltigen Futtermitteln für die Tierfabriken in Europa und Ostasien zuzuschreiben. Die Entwicklung wird von Investoren beherrscht, die ihre Gewinne errechnen, jenseits von lebenden Tieren und Menschen, von Natur und Umwelt.
Zwischen einem Landwirt, der das Futter für seine Schweine selbst anbaut und einer industriellen Anlage zur Produktion von Schweinen, die das Futter in anderen Kontinenten anbauen lässt, besteht ein grundsätzlicher Unterschied.
Der Anzahl von Schweinen, die ein Landwirt mittels seiner Felder ernähren kann, sind natürliche Grenzen gesetzt. Die industriellen Schweinemastanlagen sind alle «bodenlos», das heißt, sie beziehen die Futtermittel nicht mehr vom
Natürlich hat Europa zu wenig landwirtschaftliche Fläche, um den hohen Fleischkonsum der Bevölkerung zu decken. Man könnte daraus folgern, dass aus diesem Grund eiweißhaltige Futtermittel aus Übersee zugekauft werden. Es geht heute aber nicht mehr um einen Zukauf, sondern darum, dass in der industriellen Fleischproduktion überhaupt keine einheimischen Futtermittel mehr verwendet werden. Die EU-Agrarpolitik fördert diese Umstellung, und
Bauern werden zu
Spekulanten
Die Globalisierung der Landwirtschaft hat diese von der Natur, von den Fragen der Ernährung sowie vom Boden losgelöst und zu einem wichtigen weltweiten Spekulationsmarkt werden lassen, der heute mehr Sicherheiten bietet als die meisten Finanzmärkte.
Alle landwirtschaftlichen Fachzeitschriften, ausgenommen die wenigen
Publikationen, die sich an die Kleinbauern wenden, enthalten Empfehlungen für Spekulationsgeschäfte auf dem globalen Agrarmarkt. «Der moderne Landwirt muss sich an den internationalen Märkten orientieren», lautet die Devise.
Wie instabil die internationalen Agrarmärkte sind seitdem staatliche Interventionsinstrumente, wie zum Beispiel Vorratslager, in der EU abgeschafft wurden, haben die Preissprünge der letzten zwei Jahre gezeigt. Im Januar 2009 lagen die Kosten für die Produktion von einem Kilo Schweinefleisch in einer Mastanlage mittlerer Größe bei 1,36 Euro, während der Erlös für ein Kilo nur 1,27 Euro betrug. Wer in diesem Monat verkaufen musste, hatte pro Schwein einen Verlust von 30 Euro. Durch die geringsten Veränderungen auf dem Soja-Weltmarkt wird ein Schwein zu einem Gewinn oder Verlust. Die Flucht nach vorne in immer größere Anlagen hat zum Ziel, billiger als andere zu produzieren und dadurch kleinere Schweine-Mäster vom Markt zu drängen. Der Fleischkonsum in Deutschland nimmt seit 1987 gleichmäßig ab, von
Umweltschutz – Nein danke!
Bedenken und Einschränkungen gegen industrielle Tierhaltung entstehen erst, wenn die Umwelt bereits beschädigt ist. Nachdem in vielen Gebieten der Niederlande das Grundwasser durch zu intensive Tierzucht, vor allem Schweinemastanlagen, bereits verseucht ist, hat die Regierung strengere Umweltauflagen eingeführt. Die Regierung sah sich gezwungen, durch Prämien für die Schließung von Mastanlagen die Umweltfolgen einzuschränken. In der Bretagne wurde ebenfalls abgewartet, bis es zu spät war. Die meisten Regionen der Bretagne haben kein trinkbares Grundwasser mehr, und die Bevölkerung kauft das Wasser in Flaschen. Dänemark, der größte Schweine-Exporteur Europas steht vor den gleichen Folgen. Dennoch werden keine politischen Entscheidungen getroffen, um Mastanlagen ab 1500 Tieren zu verbieten.
Es stinkt zum Himmel!
Straathof und andere Investoren planen jetzt Anlagen für 30.000 bis 50.000 Schweine.
In Westdeutschland, in den Niederlanden und Dänemark wäre das undenkbar. Deshalb konzentrieren sie sich auf die neuen Bundesländer.
1996 baute Adriaan Straathof in der Ortschaft Buren in den Niederlanden eine zweistöckige Schweinemastanlage. Statt der ursprünglich bewilligten 14.000 Mastplätze wurden mehrfach 20.000 Schweine in seiner Anlage gezählt. Der Gestank in der Gemeinde war unerträglich. Als die Gemeinde nach zehn Prozess-Jahren schließlich Recht bekam, musste er die Anzahl Tiere drastisch verkleinern. Seither konzentriert er sich auf die neuen Bundesländer. Straathof hat zum Ziel, neben der Anlage in Alt Tellin für die Ferkelproduktion auch 250.000 Schweinmastplätze zu bauen.
Eine Anlage für 15.000 Schweine wurde ihm bereits in der mecklenburgischen Gemeinde Medow bewilligt und gebaut. Schon nach einem Jahr stellten die Behörden fest, dass 22.000 Schweine in der Anlage gehalten wurden, und der Widerstand in der Bevölkerung nimmt zu. Grund dafür ist der Gestank in der ganzen Gemeinde.
Die gigantische Schweineproduktionsfabrik in Alt Tellin ist ein Spekulationsprojekt auf dem globalen Agrarmarkt. Der Spekulant Straathof ist allerdings noch klein, im Vergleich zu dem amerikanischen Schweinefleisch-Produzenten Smithfield, der in seinem Imperium eine Million Mutterschweine hält und jährlich 18 bis 20 Millionen Schweine produziert.
Der Widerstand nimmt zu
In Alt Tellin wehrt sich, wie an vielen anderen Standorten, eine Bürgerinitiative gegen das Projekt. Die Argumentation von Straathof in einer Region mit mehr als 20 Prozent Arbeitslosigkeit könnte nicht einleuchtender sein: «Ich schaffe 25 Arbeitsplätze und investiere 25 Millionen». Ein so großes Projekt kommt nicht häufig in die von Abwanderung bedrohten Gemeinden. Der Bürgermeister bekommt leuchtende Augen und die Besitzer des vorgesehenen Geländes versprechen sich einen guten Verkaufspreis. Das hat offenbar ausgereicht, um eine knappe Mehrheit im Gemeinderat für das Projekt zu gewinnen. Bei der Unterschriftensammlung der Bürgerinitiative hat allerdings eine Mehrheit der Bevölkerung gegen das Projekt gestimmt, und es sind nicht wenige darunter, die sich schon zu DDR-Zeiten für ihre Umwelt eingesetzt haben. Sie setzen auf die Urlauber, die die schöne Landschaft im Tollensetal als Paddler oder Fahrradtouristen genießen wollen, und dafür haben sie bereits mehr als 25 Arbeitsplätze geschaffen.
Straathof wird die Gülle seiner Anlage in einer Biogas-Anlage verwerten, wodurch diese für die Böden nicht mehr schädlich sei. Dazu muss man zwei Dinge wissen. Zur Herstellung von Biogas aus Gülle wird heute hauptsächlich Mais oder Weizen der Gülle zugefügt. Zum Betreiben seiner Anlage braucht er mehrere Tausend Hektar dieser Lebensmittelpflanzen. Zweitens sind über die Auswirkungen der so vergorenen Gülle auf die Böden bisher kaum fundierte Untersuchungen durchgeführt worden.
Die Umweltbehörden, die jetzt noch den Antrag beurteilen müssen, sind objektiv überfordert. Wer liefert ihnen genaue Angaben über die Auswirkungen einer Anlage in dieser Größe? Untersuchungen darüber gibt es nicht, eine aufwändige Studie wäre notwenig. Ihre Entscheidung hängt also von ihrer Zivilcourage oder ihrer Korrumpierbarkeit ab.
Widerstand hier und dort
In
Die Flächen, die sie besetzen, sind symbolisch die Flächen der zukünftigen Ferkelanlage in Alt Tellin und der Widerstand der Kleinbauern in
Am 17. April ist der internationale Tag der Landlosen, ein Tag, den die weltweite Kleinbauernbewegung
Die Initiative «Aktionsnetzwerk Globale Landwirtschaft» lädt ein, sich in vielen Formen am 17. und 18. April daran zu beteiligen: Durch Protestbriefe an die Landesregierung von Mecklenburg Vorpommern und an die Botschaft von Paraguay in
Durch eine Versammlung der Bürgerinitiativen gegen die Mastanlagen in den neuen Bundesländern und einen Sternmarsch nach Alt Tellin.
Weitere Infos unter:

Verweise:
[1] https://www.dissentnetzwerk.org/wiki/Aktionsnetzwerk_globale_Landwirtschaft
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