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DOSSIER 1989-2009: Zusammenbruch mit Aufbruch brachte Anschluss

Dr. Jens Langer, der Autor dieses Artikels, ist ein langjähriger Freund des EBF in Mecklenburg-Vorpommern. Mit ihm und seinem Freundeskreis in Rostock haben wir viele Protestaktionen gegen die heutigen Zustände des Landes durchgeführt. Die Devise des pensionierten Pfarrers ist: Protestant kommt von protestieren... viel früher als 1989 und vorläufig bis 2009.  

Am 6. Oktober 1959 wurde ich an der Universität Jena immatrikuliert. Das war am Vorabend des Staatsfeiertages zur Gründung der DDR, und ist nun fünfzig Jahre her. Niemand hat mir gratuliert, abgesehen von einem Freund aus Norwegen, der es auf meine Aufforderung hin tat. Dabei war es ein Sieg. Denn mir war nach dem Abitur schriftlich jedes Studium im Lande untersagt worden. Ein Jahr danach war ich der brieflichen Aufforderung zur auch 1959 schon verspäteten Immatrikulation gefolgt und stand nun in der Administration der Universität. Der Beamte sagte: «Sie sind hier, um sich einzuschreiben», und fuhr fort: «Aber Ihre Akten sind gar nicht hier.» Er setzte nach: «Dann machen wir es eben ohne Akten.» Ich vermute heute, das war keine Eingebung des Augenblicks, sondern es gab eine Absprache zwischen diesem Sachbearbeiter und dem Dekan meiner zukünftigen Fakultät. Arbeitsthese «Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.»

Meine Mutter hatte mich wegen angeblich politisch renitenter Äußerungen seit Jahren gewarnt: «Dich sperren sie noch einmal ein.» Ich war immer schon ängstlich und wollte niemanden provozieren. Aber meine Zurückhaltung und mein Schweigen wurden in der ideologisch aufgeheizten Schule als Provokation missverstanden. Unpädagogische Reaktionen haben mir nicht geschadet. Das ist aber kein Verdienst solcher Lehrer 1. Meiner Mutter antwortete ich regelmäßig: «Wir kriegen sie alle.» Die konkrete Bezeichnung der zu Kriegenden ließ ich offen.

 

Dann hatte ich sie alle 

Am 5.Dezember 1989 sprach ich auf dem Weg zur Arbeit wildfremde Menschen an: «Heute Nacht ist die Staatssicherheit stillgelegt worden. Nun bringen wir sie alle vor Gericht.» Einer reagierte: «Nicht alle. Die meisten haben nur ihre Pflicht getan.» Einen Tag später war ich Ko-Vorsitzender des «Unabhängigen Untersuchungsausschusses zur Sicherstellung und Überprüfung der Akten des Ministeriums für Staatssicherheit/Nationale Sicherheit»(UUA) in unserer Region. Nun hatte ich sie alle. Und was haben wir gemacht? In kurzen Abständen informierten wir in Kirchen und Presse über Prinzipien und Stand unserer Untersuchungen. Wir haben sie im Beisein eines Militärstaatsanwalts entwaffnet und dafür gesorgt, dass die etwa 2000 hauptamtlichen Mitarbeiter ordnungsgemäß mit Papieren entlassen wurden. Mein Albtraum war, dass sich andernfalls marodierende Gruppen im Untergrund bewegen könnten, deren Angehörige sich gegenüber ihren Kindern als Märtyrer gerierten. Der Militärstaatsanwalt, immer in voller Montur, neigte sich uns lediglich durch die Zeit und die Straße sowie allenfalls noch durch die randständige Verfassung in bürgerrechtlich-idealer Auslegung legitimierten Zivilisten erst kooperativ zu, als wir in seiner Gegenwart Briefbögen und Siegel seiner eigenen Behörde in Tresoren der Staatssicherheit entdeckten. Bei der Prozedur der Entwaffnung wirkte seine Anwesenheit vielleicht auch als eine Art Ausgleich für die reichliche Präsenz von Zivil gegenüber den in militärischen Kategorien lebenden Sicherheitsdienstlern. Außerdem verfasste der Ausschuss ein Buch über die Staatssicherheit in unserer Region.

Bei Demonstrationen sah ich unseren fünfzehnjährigen Sohn und seinen Cousin in der ersten Reihe. Ich wusste auch, dass sie es waren, die zu diesen Manifestationen aufgerufen hatten. Mir schwoll der Kamm. Die protestantische Saat war aufgegangen. Ich veröffentlichte im Rostocker «Bürgerrat», der ersten freien Zeitung in der DDR, einen Artikel: «Die protestantische Revolution».

Nach einigen Monaten verließ ich den UUA. Die Belastung neben der regulären Arbeit spielte dabei eine Rolle, aber vor allem war mir klar geworden, dass im Vergehen eines Geheimdienstes auch der siegreiche Geheimdienst erscheint.

Es stimmt, dass die Evangelischen eine wichtige Rolle in diesen Monaten und bei ihrer Vorbereitung spielten. Der römische Kardinal Sterzinsky (Berlin) reflektierte 1990 und noch neun Jahre später darüber, wieso seine Kirche den Anschluss an die Ereignisse verpasst hatte 2. Jedoch bestand der protestantische Beitrag zu den Veränderungen neben dem Bestehen auf einem emanzipatorischen Menschenbild in Legitimation durch die einzige nicht integrierte Institution im Staate und in Moderation. Es waren dabei anfangs durchaus nicht alle Kirchgemeinden offen für diese neuen Gäste und ihre bunten politischen Ziele, aber es fand sich zum Glück insgesamt eine repräsentative Zahl.

 

Keine Revolution

Revolution allerdings fand nicht statt, und eine so genannte Wende gab es nur in den unterschiedlichen Vorstellungen von dieser, die in den Köpfen von Egon Krenz und Helmut Kohl herrschten, um die je eigene Herrschaft zu verlängern bzw. anzutreten 3. Bei realistischer Betrachtung der Vorgänge ergibt sich folgende Entwicklung: Ein System bricht zusammen, und zwar das Großreich Sowjetunion als Supersystem, aber auch die Systeme der einzelne Staaten des Warschauer Paktes, eingeschlossen das der DDR mit ihren ungezählten Subsystemen, die allesamt nicht mehr vital miteinander kommunizierten, Regierung und Bevölkerung seit langem nicht wegen sklerotischer Abschottung der Machthaber von der Wirklichkeit, die Partei und die Bedürfnisse der Bevölkerung seit längerem, Kultur und Politik schon früh, sozialistischer Anspruch und politische biedermeierliche Außenwirkung immer mehr. Während also die offiziellen staatlich institutionalisierten Kanäle der Kommunikation verstopfen und schließlich verfallen, bilden sich die informellen Kanäle der ethisch orientierten Gruppen zwischen Ökologie, Antimilitarismus, Feminismus und politischer Emanzipation heraus. Sie organisieren den Aufbruch im Zusammenbruch. Reale Machtverhältnisse und die ebenso realen Bedürfnisse der Bevölkerung machen aus diesem Aufbruch im wunderschönen Herbst unserer Anarchie den Anschluss an die Bundesrepublik Deutschland 4. Keine gemeinsame Verfassung nach dem Grundgesetz, sondern Beitritt, Beitrittsgebiet und Beitrittsbürger. Wenn jemand das nicht für großes Glück halten sollte, müsste er das Ergebnis doch wohl für das kleinere Übel gegenüber realen Varianten des Möglichen halten können. Das alles ereignete sich freilich trotz deutscher Spezifik nicht in einem isoliert nationalen Rahmen, sondern Ereignisverlauf und das Ergebnis waren Produkt und Teil eines politischen Erdbebens in Europa mit weltweiten Auswirkungen. Es waren die Verhältnisse und ihr von ihnen getriebener Vollstrecker Michail Gorbatschow.

Meine Erklärung ist der Systemtheorie von Niklas Luhmann verpflichtet. Ich hatte zwischen 1985 und 1988 an einer Bestandsaufnahme der kulturellen Perspektive und des vorhandenen Potentials in der einzigen nicht völlig integrierten Institution im Staate gearbeitet 5. Mir ging es um praktische Aspekte einer internationalen Debatte zur Durchsetzung und Veränderung von Werten im Interesse von kultureller Innovation, und zwar im Blick auf die hiesigen Verhältnisse. Es hätte eine Handlungsanleitung werden können, im Dialog eigene Vorstellungen durchzusetzen. Luhmanns Positionen zu Kontingenz, Komplexität der Systeme und notwendige Ausdifferenzierung der Gesellschaft fand ich angemessen und konstruktiv. Als ich die Zusammenstellung abgeschlossen hatte, durfte sie wegen bürgerlicher Sprache und ihrer philosophischen Begrifflichkeit nicht publiziert werden.

Hier angedeutete Erfahrungen und gewonnene Kenntnisse haben mich immer inspiriert, mich mit den Verhältnissen auseinanderzusetzen. Das ist ein Privileg der Gene oder des biblischen Vertrauens, wie man will, jedenfalls aber ein Geschenk aus der Freundschaft vieler Menschen, denen ich in alltäglichen oder einmaligen Situationen begegnet bin - unter ihnen seit gerade 20 Jahren einigen authentischen Marxisten. 1953 sah ich mit Angst die sowjetischen Panzer, als der Junge, der ich war, neugierig zu den streikenden Werftarbeitern wollte. Gegen diese militärische Macht gab es keine Chance. Es war nichts zu machen. 1956 hörten wir über Radio Wien die ferne Stimme von Imre Nagy mit der Bitte um Hilfe. Es war nichts zu machen. 1968 beflügelten uns die Vorstellungen von Alexander Dubcek in Prag. Sie wurden niederkartätscht. Wir konnten wenig machen. In den siebziger Jahren weckten die Parteien der Eurokommunisten Hoffnungen. Aber das war weit weg, und konnte nicht unser Ding werden.

 

1989 war alles anders 

Die geschichtliche Zeit war weit vorangeschritten. Jetzt mussten wir etwas machen. Und wir taten, was wir konnten. Das war nicht viel, aber das leisteten wir. Moderieren, sich für Transparenz und Partizipation einsetzen. Keine protestantische Revolution, aber ich war als Protestant dabei. Mitglieder des UUA stellten sich sogar einmal zum Schutz vor Randalierern vor den Sitz des Geheimdienstes. Welche Paradoxie! Die Vernunft gebot sie. Ein Zehntel unser Stadtbevölkerung beteiligte sich an den Demonstrationen: 25.000. Das ist der Prozentsatz, den die Soziologen allgemein für den aktiven Bevölkerungsteil ansetzen. Wir warben um alle. Die Künstlerin Tisa von der Schulenburg hat das mit einer Skizze vom Oktober 1989 festgehalten: Die Menschen strömen aus unserer Kirche heraus zur Demonstration, und was rufen sie? «Wir bleiben hier - schließt euch an!»

Wir wollten den leer gewordenen Raum mit unseren eigenen Vorstellungen füllen. Wir begannen damit. Der Rest ist bekannt. Alles, was wir taten, war notwendig, und trotzdem waren wir Statisten der Geschichte. Es kam, wie es kommen musste. Das ist keine Enttäuschung, sondern Einsicht in die Notwendigkeit (bei Friedrich Engels übrigens eine Definition für Freiheit). Die Komparserie ist für alle großen Aufführungen der tragende Hintergrund. Oft genug sind wir aus diesem Off herausgetreten.

Die Menschen mussten weiterleben mit ihren Begabungen und Chancen, offenen Flanken und versteckten Geheimnissen 6.Die Bewältigung des gesamten Geschehens sollte erfolgen durch viel Geld und Anpassung, musste erfolgen im Kulturschock und durch Widerspruch zu neuen Allgemeinplätzen. Um Eckpunkte einer humanen Existenz muss neu gekämpft werden 7. Wir sammelten uns in den 1990er Jahren wieder oft am vertrauten Ort für die Beachtung von Menschen, ihrer Kompetenzen und der Solidarität. «Für Arbeit für alle» hieß unser städtisches Bündnis zwischen Gewerkschaften, Parteien und Kirchen. Unter diesem Thema demonstrierten immerhin bis zu 10.000 Menschen mitten im ausgereizten Konsumismus. Die Irakkriege und der G8-Gipfel bei Rostock brachten uns wieder auf die Straße. Die Erkenntnis dieses westlichen Politiktalks in Heiligendamm 2007 war auf Seiten der phantastisch präsenten und ideenreichen Jugend des internationalen Widerstands gegen die Dominanz des Kapitals und ihrer älteren Weggenossenschaft: Frauen und Männer, die für mehr Demokratie, Gerechtigkeit und Partizipation auf die Straße gehen, werden als Gegner des Systems behandelt, und so agieren die Polizeikräfte ihnen gegenüber. Das überforderte Sicherheitspersonal wird das erste Opfer einer in die Jahre gekommenen Hegemonialpolitik. Die deutsche Kanzlerin hat beim ersten Regierungsantritt erklärt: «Mehr Freiheit wagen!» Nach diesem propagierten Mehr an Freiheit gibt es vor der Vereidigung der neuen Regierung mehr Sicherheitsüberwachung, mehr Krieg und eine soziale Spaltung der Gesellschaft. Die Brutalisierung in ihr spiegelt das Gewaltpotential des Staates wider, und ungezählt sind die Toten an den Grenzen Europas, das von Elenden nicht betreten werden soll. So können neoliberale Brandstifter zu Feuerwehrleuten des Systems berufen werden, nachdem sich die Selbstheilungskräfte des Marktes in den Orkus abgemeldet haben. Wer einen Staat hat untergehen sehen, weiß im Vergleich, dass im Zeichen der Globalisierung dieses System immer noch hocheffizient, komplex und ausdifferenziert ist. Aber Anzeichen einer fortschreitenden politischen, sozialen und ökonomischen Sklerose irritieren global und werden auch so wahrgenommen.

 

1. Vgl. Caritas Führer, Die Montagsangst, Köln 1998 1. Auflage
2. Vgl. 1. Tagung der VI. Synode des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR, 23.25.2.1990, Synodeninformation Nr. 3; epd 7.11.1999

3. Vgl. Theo Mechtenberg, Der Herbst�89 und die deutsche Einheit: Orientierung 73.Jg. Nr. 17, Zürich 15.9.2009

4. Vgl. lebendig werden. Die Stimme Hans-Jochen Vogels. Hgg. v. Elke Vogel u.a., Kückenshagen 2008

5. Jens Langer, Evangelium und Kultur in der DDR, 2 Bände, West-Berlin 1990

6. Vgl. Pauline de Bok, Blankow oder Das Verlangen nach Heimat, Frankfurt/M. 2009
7. J. Langer, Kulturen in der Krise. Die neuen Länder in der alten Bundesrepublik Deutschland: Orientierung Nr. 17, 15.9.1996

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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 176 (11/2009)

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Novembre 2014


Nov 2014
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