PALÄSTINA: Die Menschen von Al-Mugayyir

de Camille und Théo, 11 mars 2026, publié à Archipel 356

Einige Monate lang mit einer palästinensischen Gemeinschaft zusammenleben, die von Siedlern und der israelischen Armee angegriffen wird. Ihre Freude, ihren Kummer und ihren Willen zum Widerstand miterleben. Internationale Solidarität unter denjenigen leben lassen, die von der ganzen Welt verlassen zu sein scheinen.

Wir befinden uns in Al-Mugayyir, einem palästinensischen Dorf zwischen dem Jordan und den Hügeln des Westjordanlands. Vor Ort treffen wir einen Palästinenser des ISM (International Solidarity Movement), der die Ankunft internationaler Freiwilliger in Gemeinden koordiniert, die von der Kolonisierung bedroht sind. Er empfängt uns mit einem breiten Lächeln und seinem absurden Lieblingsspruch: «Welcome to Texas». Es stimmt, hier ist es ein bisschen wie im Wilden Westen.

Auf dem Weg zum Dorf ist die Unterdrückung sichtbar und bedrückend. Zwischen Checkpoints und Siedlungen fahren wir auf Strassen, die von Reihen israelischer Flaggen gesäumt sind («Sie wissen, dass dieses Land ihnen nicht gehört», sagt uns ein Freund, «also versuchen sie, es sich anzueignen, indem sie es mit Flaggen eindecken»). Der Bus, in dem wir fahren, wurde von einer israelischen Kugel durchschlagen. Der Fahrer hat eine Blume um das Loch gemalt, um die Spur des Grauens zu verschönern. Wir fahren nach Al-Khalayel, wo wir wohnen werden. Schnell werden wir mit einer kurzen Geschichte des Ortes vertraut gemacht: Die Familien, die bereits durch die Kolonialisierung aus ihrer Heimat vertrieben worden waren, haben sich in den letzten Jahren hier niedergelassen, in der Hoffnung, weiterhin von der traditionellen Viehzucht leben zu können. Aber der Zionismus hat sie schnell eingeholt. Auf dem Hügel wurde ein «Aussenposten» (Beginn einer Siedlung) errichtet. Auf den ersten Blick nichts Beeindruckendes: ein grosser Mast mit einer abgenutzten Flagge und einem Container daneben – ein Lagerhaus. Seit dem Morgen dieses Tages sind die Familien zahlreichen, besonders gewalttätigen Angriffen ausgesetzt, darunter das Eindringen von Siedlern bei Tag und Nacht, Schläge gegen die Bewohner·innen, Steinwürfe und Brandstiftung, das Öffnen von Wassereservoirs und Landraub. Die Folge dieser Schikanen: Die Hälfte der Familien hat bereits die schwere Entscheidung getroffen, ihr Land zu verlassen und woanders zu leben. An jedem Ort sehen wir mindestens drei verlassene Häuser. Die Bevölkerung wird von Siedlern, die durch die israelische Regierung gut ausgerüstet werden, schikaniert und nach und nach vertrieben. Wir erinnern daran, dass bei der Gründung des Staates Israel auf Beschluss der UN-Vollversammlung (1948) nur Kolonialmächte vertreten waren und dass diese seitdem nicht aufgehört haben, Israel zu unterstützen, allen voran die USA.

Widerstand leisten

Unser Leben hier als Ausländer·innen in Al-Khalayel, der Region südlich von Al-Mughayyir, besteht aus Höhen und Tiefen. Manche Tage sind sogar festlich und gleichen Familienfeiern. Die Tage sind geprägt vom Tee, den wir literweise trinken (mit kiloweise Zucker), von den Mahlzeiten, die immer unglaublich schmackhaft und reichhaltig sind, von den Fussball- und Volleyballspielen, welche die Familien zusammenbringen – von den Alten bis zu den kleinen Kindern. Wir lachen, wir essen, wir trinken und könnten dabei fast die Unterdrückung vergessen! Doch dann ändert sich die Situation von einem Moment auf den anderen: Die Armee ist auf dem Hügel, man hört Schüsse, die Siedler sind in den Olivenhainen.

Die Kolonisierung nimmt viele Formen an. Die Palästinenser·innen haben keinen Zugang mehr zu ihren Olivenhainen, um die Ernte einzubringen. Seit über einem Jahr stehen die Lager Jenin, Tulkarem und Nur Shams unter militärischer Belagerung. Niemand kann sie betreten, ohne erschossen zu werden. 40.000 Menschen sind vertrieben worden, und regelmässig weckt die Armee Hoffnungen auf ein Ende der Belagerung, die jedoch immer wieder enttäuscht werden. Die Belagerung dauert an, die Zerstörungen im Inneren gehen weiter. Das Ziel dieser Operation ist es, den starken und kämpferischen Widerstandsgeist, der in diesen Lagern herrscht, anzugreifen und zu brechen. Doch trotz dieser Angriffe werden die Bewohner·innen der Lager weiter Widerstand leisten: «Ich bin sehr stolz darauf, aus dem Lager Tulkarem zu kommen. Sie greifen uns an, weil sie wissen, dass wir vereint sind und dass der Widerstand stark ist. Sie haben uns vertrieben, um die Gemeinschaft zu zerstören. Aber wir werden zurückkommen und alles wieder aufbauen. Und eines Tages werden wir auf unser Land von 1948 zurückkehren.»

Schafe als Waffe

Wir beobachten den pastoralen Kolonialismus: Schafherden werden als Waffe der Zerstörung eingesetzt. Die Hirten sind oft sehr junge Israelis, die schon in jungen Jahren in Gruppen wie Hilltop Youth rekrutiert werden; einer Gruppe, die dafür bekannt ist, illegale Aussenposten zu errichten und gewaltsame Übergriffe gegen Palästinenser·innen zu verüben. Ihre Politik ist die der Einschüchterung und Zerstörung: Sie lassen ihre Schafe auf den Olivenhainen weiden, um jede Möglichkeit einer Ernte zu verhindern, zerstören Zäune und Mauern, wenn diese ihnen im Weg stehen, und nähern sich jeden Tag ein wenig mehr den Häusern, in der Hoffnung auf eine gewalttätige Reaktion der Bewohner·innen. Ihre Aktion wird schnell zur Routine: Der Hirte kommt gegen acht Uhr vom Aussenposten herunter, reisst gegen neun Uhr den Zaun der Olivenbäume nieder und lässt die Schafe herein. Wenn die Familie reagiert, rufen sie die Armee zur Verstärkung. Die Familien (und wir mit ihnen) können nur noch das Eindringen filmen, um eine Eskalation zu vermeiden. Während unseres Aufenthalts versuchten einige Freiwillige, einen Hirten friedlich zu blockieren. Die Armee verhaftet sie noch am selben Morgen und weist zwei von ihnen aus, unter dem Vorwurf der Gewalt gegen ein Kind und der Vergiftung. Man hat den Eindruck, tatenlos zusehen zu müssen, wie diese jungen Israelis mit kindlichen Gesichtern als Werkzeuge für die ethnische Säuberung Palästinas missbraucht werden.

Als Folge dieser pastoralen Hartnäckigkeit können die Familien von Al-Khalayel, die selber Viehzüchter sind, ihr Land nicht mehr wie früher beweiden. Der grösste Teil ihres Landes ist nun unzugänglich, und das Weiden der Herden birgt immer die Gefahr einer Konfrontation mit den Siedlern. Die Familien sind gezwungen, teures Futter für ihre Tiere zu kaufen, obwohl sie seit Generationen von der extensiven Viehzucht leben. Die Umgebung des Lagers ist daher überweidet, und zu den Wunden der Entwurzelung kommen nun auch noch ökologische Schäden hinzu.

Angriffe in der Nacht

Wir halten Nachtwache. Als internationale Aktivist·innen wechseln wir uns mit den «Shébabs» (junge Leute auf Arabisch) ab, um die Hügel mit Lampen zu beleuchten. Nachtangriffe passieren häufig: Bei einem davon dringen sieben Siedler in ein Haus ein und verletzen die Matriarchin Umm Hamam sowie den 13-jährigen Rizik und drei anwesende Aktivist·innen. Ein anderes Mal finden wir zu Beginn der Nacht eine einzelne Person auf dem Gipfel des Hügels und zwei weitere auf dem Hügel auf der anderen Seite. Wir sind in der Zange. Sofort schreiten die Jugendlichen des Dorfes zur Tat, verteilen sich, um die anderen Siedler zu finden, blockieren die Wege mit Steinen und entzünden grosse Feuer auf den Hügeln, um zu zeigen, dass wir zahlreich sind. Schliesslich ertönen mehrmals Salven aus automatischen Waffen aus Richtung der beiden Siedler, dann kehrt wieder Ruhe ein und wir sehen die Angreifer davonziehen. Dieses Mal wurde niemand verletzt, da die Reaktionsfähigkeit der palästinensischen Jugendlichen eine Eskalation der Situation verhindert hat. Auch wenn wir dieses Mal mit mehr Angst als Schaden davongekommen sind, sind solche Angriffe Teil der Kolonialstrategie: Es geht darum, ein unsicheres Umfeld zu schaffen, in dem man sich selbst im eigenen Bett nicht mehr sicher fühlen kann. Das Ziel ist die Erschöpfung der Gemeinden, in denen die Jugendlichen zwischen einer schwierigen wirtschaftlichen Lage und ihren familiären Verpflichtungen Besseres zu tun hätten, als die Nacht damit zu verbringen, die Siedlungen zu überwachen. Aber am Abend am Lagerfeuer ist die Entschlossenheit in ihren Gesichtern zu lesen: Dieses Land ist palästinensisch, und trotz des Leidens wird sie nichts vertreiben. Ihre Entschlossenheit, ihre Widerstandsfähigkeit und ihr Widerstandgeist trotz des offensichtlichen Ungleichgewichts der Kräfteverhältnisse verlangen Respekt. Sie schreiben über ihren Ort: «Al-Mughair ist nicht nur ein Punkt auf einer Karte. Al-Mughair ist ein Puls, der sich weigert, zu versiegen. In ihm wird der Schmerz nicht besiegt, sondern lernt, sich in Würde zu verwandeln. Al-Mughair hat viel gelitten, aber es hat nicht aufgegeben. Es hat viel geweint, aber es hat nie sein Lächeln verloren. Es hat gelernt, seine Wunden mit Fäden der Geduld zu verbinden und Hoffnung auf einem Land zu säen, das den Schmerz nur zu gut kennt.»

Willkürliche Militärzonen und Festnahmen

Eine weitere israelische Erfindung, welche die ethnische Säuberung der Region erleichtern soll, ist die «CMZ», eine Abkürzung für «geschlossene Militärzone». Mit diesem Instrument kann die Armee die palästinensischen Bewohner·innen oder internationalen Aktivist·innen zum Verlassen eines Gebiets auffordern, was sie in Al Khalayel häufig tun. Jedes Mal, wenn eine geschlossene Militärzone ausgerufen wurde, gehörte auch dieses Dorf dazu. Die israelischen Siedler·innen wurden dagegen nie behelligt und sind die ersten, welche die Armee benachrichtigen, sobald sie internationale Aktivist·innen sehen. Es ist üblich, dass Drohnen über uns fliegen, die von den Siedlern geschickt werden, um uns zu finden. Militärische Razzien im Dorf finden fast täglich statt und sind immer verheerend, mit willkürlichen Verhaftungen, Schüssen auf Gebäude und der Beschlagnahmung von Häusern, angeblich für militärische Zwecke. Während unseres Aufenthalts kostet einer dieser Überfälle den 14-jährigen Muhammad das Leben, der von einem Soldaten erschossen wurde. Am nächsten Tag stören die Siedler·innen die Beerdigung, und die Armee hindert einige Menschen, daran teilzunehmen. Bei jedem militärischen Übergriff zittern wir um unsere palästinensischen Freundinnen und Freunde, denen, wenn sie verhaftet werden, Verletzungen, Vergewaltigungen und Folter drohen.

Uns hat die Armee schliesslich an einem Sonntagmorgen festgenommen, nachdem sie uns zum x-ten Mal eine Sperrverfügung für das Gebiet vorgelegt und die Familien aufgefordert hatte, das Gebiet zu verlassen. Die Langeweile der einwöchigen Haft war nichts im Vergleich zu der Angst der Familien, ihren Lebensraum verlassen zu müssen. Auch im Gefängnis geniessen wir weiterhin unsere Privilegien als Weisse, im Gegensatz zu den palästinensischen Mitgefangenen, die zahlreiche Verletzungen davongetragen haben, nachdem sie von den Wärtern zusammengeschlagen worden waren. Auch die Wanderarbeiter, mit denen wir die Zellen teilen, leiden unter dem Rassismus der israelischen Gesellschaft. Israel hat übrigens gerade beschlossen, dass es ab jetzt möglich ist, die Todesstrafe für palästinensische Gefangene anzuwenden, die des Mordes an einem israelischen Bürger oder einer Bürgerin oder des Terrorismus beschuldigt werden – und jede·r palästinensische·r Widerstandskämpfer·in wird wegen Terrorismus angeklagt. Mit uns wurden, in weniger als zwei Monaten, zum sechsten Mal solidarische Menschen, die aus dem Ausland nach Al-Khalayel kamen, ausgewiesen. Dies ist der – vergebliche – Versuch des hebräischen Staates, so wie Gaza auch das Westjordanland von allen internationalen Beobachter·innen zu säubern. Bereits 37 Organisationen wurden in Gaza und im Westjordanland verboten, darunter Ärzte ohne Grenzen, weil sie sich geweigert haben, sich einer neuen Regel zu beugen, die vorschreibt, die Namen aller palästinensischen Mitarbeiter·innen anzugeben.

Dieser Kolonialstaat wurde 1948 von unseren Kolonialreichen gegründet, und nun sehen wir es als unsere Pflicht an, den Widerstand der unterdrückten Völker im Kampf gegen die Kolonialisierung zu unterstützen. Von der Ukraine bis zur Kanaky in Neukaledonien, von Kurdistan bis Myanmar. Überall dort, wo die Völker im Widerstand darum bitten, soll die internationale Solidarität leben! Für Palästina ist das möglich, indem wir dorthin reisen – zum Beispiel mit ISM[1], oder uns von unserem Standort aus mit Organisationen wie «Boycott Divestment Sanction» engagieren.

Camille und Théo*

  1. The International Solidarity Movement www.palsolidarity.org

*Théo ist gemeinsam mit drei anderen Personen im Dezember 2025 nach Palästina gereist, um dort Bäuerinnen und Bauern zu unterstützen. Er hatte vor, bis Ende März zu bleiben, wurde aber einige Tage nach seiner Festnahme im Februar nach Frankreich ausgewiesen.