MALI: Ungewisse Zukunft

von Amara Nouhoum Keita, Bamako, 15.07.2026, Veröffentlicht in Archipel 360

Seit mehreren Jahren durchlebt Mali eine vielschichtige Krise, die von Unsicherheit, politischer Instabilität, wirtschaftlichen Schwierigkeiten und tiefgreifender sozialer Unzufriedenheit geprägt ist. Diese Situation versetzt die Bevölkerung in ständige Sorge und wirft zahlreiche Fragen zur Zukunft der malischen Nation auf.

Sowohl in den Städten als auch auf dem Land herrscht ein Gefühl der Unsicherheit vor. Viele Malier·innen haben mittlerweile den Eindruck, dass sich das Land in einer endlosen Krise befindet.

Seit dem Sturz von Präsident Ibrahim Boubacar Keïta, im August 2020, erlebt Mali einen politischen Kurswechsel, der alsBruch mit dem alten System dargestellt wird. Unter seiner Präsidentschaft[1] hatte sich die Sicherheitslage stark verschlechtert. Terroranschläge nahmen in mehreren Regionen des Landes zu, insbesondere im Zentrum und im Norden. Dörfer wurden regelmässig angegriffen, Zivilist·innen massakriert; Soldaten kamen fast täglich ums Leben und Tausende von Familien waren gezwungen, aus ihren Ortschaften zu fliehen. Diese Tatsachen hatten immense Wut in der Bevölkerung ausgelöst. Viele warfen der Regierung vor, sie sei unfähig, die Bevölkerung zu schützen und die staatliche Autorität im gesamten Staatsgebiet wiederherzustellen. Zu dieser Sicherheitskrise kamen Vorwürfe der Korruption, der schlechten Regierungsführung und der Veruntreuung öffentlicher Gelder hinzu. Die Bevölkerung hatte nach und nach das Vertrauen in die staatlichen Institutionen verloren.

Das Militär an der Macht

In diesem Kontext entstand die M5-RFP (Bewegung des 5. Juni – Bündnis der patriotischen Kräfte), eine Koalition aus religiösen Führern, Akteur·innen der Zivilgesellschaft, politischen Oppositionellen und ehemaligen Verantwortlichen des Regimes. Die Bewegung organisierte regelmässig grosse Demonstrationen in Bamako, um den Rücktritt des Präsidenten zu fordern. Die Bewegung prangerte zudem die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die steigende Arbeitslosigkeit, den Zusammenbruch des Bildungssystems sowie die sich ständig verschärfende Sicherheitskrise an.

Im August 2020 griff das Militär ein und stürzte Präsident Ibrahim Boubacar Keïta. Viele Malier·innen begrüssten diese Machtübernahme mit der Hoffnung, dass sie ein neues Kapitel in der Geschichte des Landes einläuten würde. Das Militär hatte einen kurzen Übergang versprochen, der Mali wieder auf den Weg zu institutioneller Stabilität bringen sollte.

Eine von Bah N’Daw[2] geleitete Übergangsregierung wurde eingesetzt, um die internationale Gemeinschaft zu beruhigen und den Willen zu einer raschen Rückkehr zur verfassungsmässigen Ordnung zu demonstrieren. Diese Übergangsphase wurde jedoch schnell durch interne Spannungen geschwächt. Nach nur wenigen Monaten wurde Bah N’Daw aus dem Amt entfernt. Offiziell war von politischen Differenzen an der Spitze des Staates die Rede. Für einen Teil der Öffentlichkeit offenbarte diese Episode jedoch vor allem das Vorhandensein von Machtkämpfen innerhalb der Militärführung selbst.

Nach diesem zweiten Staatsstreich etablierte sich Assimi Goïta[3] als starker Mann des Landes. Er versprach damals einen zwölfmonatigen Übergang bis zur Durchführung von Wahlen. Im Laufe der Zeit wurde dieser Zeitraum jedoch mehrfach verlängert. Die Behörden begründeten diese Verschiebungen mit der Notwendigkeit, das Land zu stabilisieren und den Terrorismus vor möglichen Wahlen wirksam zu bekämpfen. Während dieser Zeit wurden mehrere politische Initiativen ins Leben gerufen, insbesondere der «inklusive nationale Dialog»[4] und der «inter-malische Dialog»[5]. Diese Treffen sollten es den verschiedenen Teilen der Nation ermöglichen, einen Konsens über die Zukunft Malis zu finden. Trotz dieser Initiativen blieben die politischen und sozialen Spaltungen jedoch tiefgreifend.

Parallel dazu vollzog sich im politischen Diskurs der Machthaber ein grundlegender Wandel. Nach dem zweiten Staatsstreich rückte die Frage der nationalen Souveränität in der Kommunikation der Übergangsbehörden in den Mittelpunkt. Frankreich, ehemals Malis bevorzugter militärischer Partner, wurde nach und nach zum Hauptziel offizieller und öffentlicher Kritik. Die Behörden warfen den französischen Streitkräften insbesondere vor, es nicht geschafft zu haben, dem Terrorismus ein Ende zu setzen. Der Abzug der französischen Truppen wurde von einem bedeutenden Teil der Bevölkerung als politischer und symbolischer Sieg wahrgenommen. Viele sahen darin einen Akt wiedergewonnener Souveränität. In der Folge verliess auch die «Integrierte Multidimensionale Stabilisierungsmission der Vereinten Nationen in Mali» (MINUSMA)[6] das Land. Diese Abzüge haben das sicherheitspolitische und diplomatische Gleichgewicht in der Region tiefgreifend verändert.

Parallel dazu nahmen die Übergangsbehörden mehrere bedeutende institutionelle Reformen in Angriff. Im Jahr 2023 wurde eine neue Verfassung verabschiedet, um die Befugnisse des Präsidenten zu stärken und bestimmte Institutionen neu zu definieren. Im Jahr 2024 wurden dann die Aktivitäten politischer Parteien und Vereinigungen mit politischem Charakter momentan ausgesetzt. Im Mai 2025 geschah dies erneut, da eine grosse Zahl von Menschen ein breites Bündnis gebildet hatte, um die Rückkehr zur verfassungsmässigen Ordnung zu fordern. Die Massnahme der Regierung rief heftige Kritik seitens eines Teils der politischen Klasse und von Menschenrechtsorganisationen hervor. Mehrere Oppositionelle und politische Akteure, die eine rasche Rückkehr zur verfassungsmässigen Ordnung befürworten, prangerten eine fortschreitende Verengung des demokratischen Raums an. Was die Sicherheitslage betraf, so blieb die Situation äusserst besorgniserregend. Terroranschläge trafen weiterhin verschiedene Regionen des Landes. Im September 2024 richteten sich Anschläge gegen strategische Einrichtungen, insbesondere gegen die Gendarmerie und den internationalen Flughafen. Diese Ereignisse schockierten die Bevölkerung zutiefst, da sie zeigten, dass selbst Gebiete, die als stark gesichert galten, verwundbar sind.

Ein gefährliches Bündnis

Im April 2026 wurde die Besorgnis durch einen gross angelegten Angriff auf die Stadt Kati[7], ein Symbol der militärischen Macht, verstärkt. Dabei kam der Verteidigungsminister, General Sadio Camara, ums Leben. Dieser Angriff warf zahlreiche Fragen hinsichtlich der tatsächlichen Fähigkeit des Staates auf, der terroristischen Bedrohung zu begegnen. Für viele Malier·innen war es schwer nachvollziehbar, wie bewaffnete Gruppen weiterhin Operationen von solcher Intensität durchführen konnten. Am 25. April 2026 verlor die malische Armee die Region Kidal im Norden. Die Tuareg-Bewegung «Azawad», die mit der salafistisch-dschihadistischen Bewegung JNIM (Gruppe zur Unterstützung des Islam und der Muslime) verbündet ist, griff strategische Punkte an, darunter Kati und mehrere Militärstützpunkte. Dieser aus dem Nichts kommende Hinterhalt und dieses Bündnis verliehen den Separatisten und Dschihadisten neuen Schwung, um die Region Kidal, die im November 2023 von der malischen Armee zurückerobert worden war, erneut zu belagern und zurückzugewinnen. Viele Malier·innen stellten sich dazu eine Reihe von Fragen: «Wie konnte eine Armee, die angeblich an Stärke gewinnt, auf diese Weise geschlagen werden? Wie war es möglich, dass die russischen Söldner und malischen Soldaten Kidal kampflos verliessen? Welche Verantwortung trugen die Geheimdienste?» Mit der Errichtung einer Blockade um Bamako durch bewaffnete Gruppen verschärfte sich die Lage weiter. Mehrere Verkehrsachsen sind lebensgefährlich oder sogar unpassierbar geworden. Diese Situation hatte schwerwiegende wirtschaftliche und soziale Folgen. Die wirtschaftlichen Aktivitäten haben stark nachgelassen, die Preise für Grundnahrungsmittel sind gestiegen und die Transportunternehmer leben in ständiger Angst vor Angriffen. In einigen Gebieten wurden Lastwagen in Brand gesteckt, Reisende angegriffen und die Bevölkerung terrorisiert. Viele beklagen das Fehlen einer starken Reaktion, um die Strassen zu sichern und eine Wiederaufnahme des Handels zu ermöglichen. Diese fortschreitende Lähmung schürt bei vielen Bürger·innen ein Gefühl der Verlassenheit.

Jagd auf Oppositionelle

In diesem ohnehin schon sehr angespannten Klima wurden verschiedene Persönlichkeiten fälschlicherweise der Komplizenschaft mit bewaffneten Gruppen beschuldigt. Entführungen, Verhaftungen und Verschleppungen, die sich gegen politische Persönlichkeiten und Akteur·innen der Zivilgesellschaft richten, gehen eindeutig auf das Konto der Übergangsregierung und haben sich seit dem Angriff vom 25. April 2026 verstärkt. Alle, die sich für eine Rückkehr zur verfassungsmässigen Ordnung einsetzen, werden gejagt. Man muss feststellen, dass die Grundrechte in Mali immer weiter eingeschränkt werden. Heute erscheint Bamako als eine Hauptstadt unter Druck, geprägt von Unsicherheit, Angst und Perspektivlosigkeit.

Ein grosser Teil der Bevölkerung ist der Ansicht, dass sich die Übergangsbehörden mehr um ihre internationalen Bündnisse kümmern, insbesondere mit Russland, als um die alltäglichen Sorgen der Malier·innen. Die zunehmende russische Präsenz im Militär- und Sicherheitsbereich löst in der Öffentlichkeit hitzige Debatten aus. In Bamako stösst sie teilweise auf Begeisterung, weil immer noch die Meinung herrscht, die Russen könnten die Dschihadisten vernichten. In anderen Teilen des Landes hat die Bevölkerung jedoch Angst vor ihnen aufgrund ihrer Brutalität. Auf den Strassen drehen sich die sonstigen Diskussionen um die steigenden Lebenshaltungskosten, die Jugendarbeitslosigkeit und die sich immer weiter verschlechternde Sicherheitslage. Die meisten Menschen sind von den Jahren der Krise erschöpft.

Mali befindet sich heute an einem entscheidenden Wendepunkt seiner Geschichte. Die Zukunft des Landes bleibt zutiefst ungewiss. Doch ein grosser Teil der malischen Bevölkerung hofft weiterhin auf einen Ausweg aus der Krise, der nur durch Dialog, Gerechtigkeit, nationale Versöhnung und Wiederherstellung des Vertrauens zwischen Staat und Bürger·innen entstehen kann.

Amara Nouhoum Keita Bamako

  1. Der inzwischen verstorbene Ibrahim Boubacar Keïta war vom September 2013 bis zum 18. August 2020 Präsident von Mali.
  2. Übergangspräsident von September 2020 bis Mai 2021
  3. Präsident der Übergangsregierung seit dem 24. Mai 2021
  4. Der «inklusive nationale Dialog» zielte darauf ab, endogene Lösungen für alle Krisen zu finden, die Mali durchlebt. Viele sahen darin jedoch ein Mittel für die Übergangsbehörden, sich an der Macht zu halten. Tatsächlich lautete die wichtigste Empfehlung, die Übergangsphase zu verlängern, sowie das Abkommen von Algier zu beenden.
  5. Im Rahmen des inter-malischen Dialogs wurden mehr als 302 Empfehlungen formuliert. Diejenigen, die jedoch die meisten Debatten ausgelöst haben, sind folgende: · Verlängerung der Übergangsphase von zwei auf fünf Jahre, bis sich das Land stabilisiert hat, · Förderung der Kandidatur von General Assimi Goïta bei einer künftigen Präsidentschaftswahl, · Beförderung mehrerer Militärverantwortlicher zu Generälen in Anerkennung ihrer Rolle bei der Verteidigung und Stabilisierung des Landes. · Abschaffung der öffentlichen Finanzierung politischer Parteien, um die Staatsausgaben zu senken und auf die Kritik der Ineffizienz des aktuellen Parteiensystems zu reagieren.
  6. Die MINUSMA wurde durch die Resolution 2100 des Sicherheitsrats vom 25. April 2013 ins Leben gerufen, um die politischen Prozesse in Mali zu unterstützen und verschiedene sicherheitsbezogene Aufgaben zu erfüllen. Ihr Mandat lief am 31. Dezember 2023 aus.
  7. Kati erstreckt sich über einen nordwestlichen Teil des Ballungsraums Bamako und präsentiert sich als Garnisonsstadt vor den Toren der malischen Hauptstadt.