IRAK: Keine Palmen mehr am Tahrir-Platz

de Ansar Jasim, 15 mai 2026, publié à Archipel 358

Der Irak wird derzeit zwischen iranischer und amerikanischer Einflussnahme zerrieben. Während Eliten und Milizen um Macht ringen, zahlen vor allem Arme, Bäuerinnen, Bauern und progressive Kräfte den Preis: durch Repression, steigende Lebensmittelpreise und den fortschreitenden Zerfall lokaler Produktion. Der Krieg in der Region verschärft damit nicht nur geopolitische Spannungen, sondern auch die soziale und konterrevolutionäre Krise im Inneren des Landes.

Der Tahrir-Platz, der «Platz der Befreiung», ist seit Jahrzehnten ein Ort politischer Mobilisierung in Bagdad. Doch selten war seine politische Aufladung so stark wie während der Tishreen-Proteste von Oktober 2019 bis Oktober 2020, als der Platz für ein ganzes Jahr von zivilen und revolutionären Kräften besetzt gehalten wurde.1 Zwischen zwei Palmen hing damals ein Banner mit der Aufschrift: «Alle Macht den revolutionierenden Massen». Darunter stand unter anderem ein Zelt der Organisation of Women’s Freedom in Iraq, in dem politische Bildung organisiert, Schutzräume für Frauen geschaffen und Gewalt nicht als privates Schicksal, sondern als Ausdruck patriarchaler Herrschaft verhandelt wurde.

Überragt wird der Platz vom Freiheitsmonument, das nach dem Sturz der britisch gestützten Monarchie errichtet wurde. Seine Bronzereliefs erzählen, entsprechend der arabischen Schrift von rechts nach links gelesen, die Geschichte der Befreiung: vom Aufstand gegen feudale Unterdrückung hin zu kleinbäuerlicher Landwirtschaft über Bodenverteilungen, Selbstbestimmung und Demokratie. Während der Tishreen-Proteste erhielt diese Symbolik neue Aktualität. Die Frage von Nahrung und Versorgung wurde zu einem zentralen politischen Thema: Die Protestierenden organisierten öffentliche Küchen zur kollektiven Selbstversorgung, während zugleich Boykottkampagnen gegen iranische Produkte breite Unterstützung fanden. Nahrung wurde damit nicht nur zur praktischen Notwendigkeit des Widerstands, sondern zu einem Ausdruck politischer Souveränität.

Nach der Niederschlagung der Proteste verschwanden auch die Palmen, unter denen einst Transparente und Zelte standen. Der Park hinter dem Platz wurde umgebaut, eingezäunt und vollständig einsehbar gemacht. Wo sich zuvor verwinkelte Wege, schattige Rückzugsorte und improvisierte politische Räume befanden, erstreckt sich heute eine geordnete und überwachte Fläche. Diese Umgestaltung ist weit mehr als blosse Stadtplanung. Sie verkörpert die bewusste Zerstörung jener Orte und Strukturen, in denen kollektive Organisierung und oppositionelle Politik von unten überhaupt erst möglich wurden. In schwierigen Zeiten, so heisst es im Irak oft, lesen die Menschen das Freiheitsmonument auf dem Tahrir-Platz rückwärts: nicht als Weg aus feudaler Unterdrückung in Richtung Selbstbestimmung, sondern als Abstieg von Hoffnung zurück in neue Formen der Herrschaft. Tatsächlich spricht vieles dafür, dass sich das Land erneut in eine solche Richtung bewegt und diese Entwicklung durch den derzeitigen Krieg intensiviert wird. Eine der bekannten Stimmen jener Protestgeneration nach 2003, die Feministin Yanar Mohammed, wurde am 2. März 2026 – Mitten im Klima von Bombardierungen des Irak durch die USA und den Iran – in Bagdad ermordet. Menschenrechtsorganisationen beschrieben ihren Tod als Teil eines anhaltenden Klimas der Straflosigkeit gegenüber Angriffen auf Aktivist·innen, das sich seit der Niederschlagung von Tishreen weiter verfestigt hat. Die irakische Linke mag zu schwach sein, um hegemonial zu werden, doch sie bleibt präsent genug, um als Bedrohung wahrgenommen und verfolgt zu werden.

Das irakische System nach 2003

Die politische Ordnung, die sich im Irak nach 2003 herausbildete, ist weder Ausdruck nationaler Souveränität noch bloss Resultat äusserer Kontrolle. Sie entstand unter der US-Besatzung, entwickelte sich jedoch rasch zu einem komplexen Machtgefüge, in dem internationale und regionale Interessen mit lokalen Eliten verschmolzen. Besonders der Iran konnte sich tief in diese neue Ordnung einschreiben, ohne sie jemals vollständig zu beherrschen. Im Zentrum steht das sogenannte Muhassasa-System: ein politisches Arrangement, in dem staatliche Institutionen, öffentliche Gelder und Machtpositionen entlang konfessioneller, parteipolitischer und klientelistischer Linien verteilt werden. Was oft nur als Korruption beschrieben wird, ist in Wahrheit ein zentraler Mechanismus der Herrschaft. Das System lebt davon, Konkurrenz zwischen rivalisierenden Kräften zu organisieren, ohne diese jemals grundsätzlich aufzulösen. Konflikte werden nicht überwunden, sondern verwaltet.

Gerade dadurch erwies sich die Ordnung über Jahre als bemerkenswert widerstandsfähig. Kriege, ökonomische Krisen, politische Blockaden und wiederkehrende Massenproteste führten nicht zu ihrem Zerfall. Statt daran zu zerbrechen, integrierte das System diese Erschütterungen in seine eigene Funktionsweise. Krise wurde zum Normalzustand der Herrschaft. Immer wieder gelang es den Eliten, oppositionelle Dynamiken zu neutralisieren: durch Kooptation, institutionelle Einbindung oder begrenzte Reformversprechen. Zu dieser Dynamik trug auch die Einflussnahme internationaler Organisationen und westlicher Demokratieförderprogramme bei, insbesondere aus dem US-amerikanischen Umfeld.

Die Niederschlagung der Tishreen-Bewegung macht dies deutlich, weil nicht nur die Gewalt des Staates eine Rolle spielte. Während der radikale Kern von Tishreen die Abschaffung der 2005 unter Besatzungsbedingungen verabschiedeten Verfassung und damit eine grundlegende Überwindung der bestehenden politischen – und somit wirtschaftlichen – Ordnung forderte, wurde ein Teil der Bewegung zunehmend in institutionelle Bahnen gelenkt: weg von systemischer Konfrontation, hin zu Workshops über demokratische Partizipation, Parteiengründung und politische Teilhabe innerhalb eben jener Ordnung, die ursprünglich überwunden werden sollte. Was als Unterstützung oppositioneller Kräfte erscheint, funktionierte als Mechanismus ihrer Einhegung und Entschärfung. Selbst Konflikte, die öffentlich als fundamentale Machtkämpfe erscheinen, etwa zwischen den Sadristen und Coordination Framework (die bisher die Regierung stellten), bewegen sich meist innerhalb derselben politischen Architektur und stellen ihre Grundlagen nicht infrage.

Auch äussere Akteure sind Teil von ihr. Die USA prägen weiterhin zentrale wirtschaftliche und institutionelle Hebel des irakischen Staates. So laufen die Einnahme vom staatlichen Verkauf irakischen Öls bis heute über US-Banken. Gleichzeitig hat der Iran durch Parteien, Milizen und religiös-politische Netzwerke eigene Machtzentren innerhalb des Systems aufgebaut. Die Rivalität beider Einflussblöcke destabilisierte das System nicht, sondern trug lange zu seiner Stabilisierung bei.

Ende des alten Gleichgewichts

Doch dieses Arrangement beginnt zu bröckeln. Die militärische Eskalation in der Region, Angriffe auf iranisch verbundene Akteure im Irak und wachsender Druck aus Washington verschieben die inneren Machtverhältnisse zunehmend. Besonders Kräfte mit enger Bindung an Iran, darunter Teile der Hashd al-Shaʿbi (Popular Mobilization Front), geraten unter Druck, während die USA versuchen, politischen Einfluss direkter geltend zu machen und innerirakische Machtverhältnisse neu zu ordnen.

Diese Entwicklungen bedeuten jedoch keinen Bruch mit der bestehenden Ordnung, sondern eine Neuverteilung von Macht innerhalb desselben politischen Rahmens. Wie eine irakische Aktivistin es formulierte: «Der grosse Krieg draussen wird im Irak zu vielen kleinen Kriegen drinnen.» Der geopolitische Konflikt, der lange eher indirekt wirkte, dringt jetzt sichtbar in den innenpolitischen Raum ein. Neu ist dabei der Umstand, dass die Mechanismen, die ihn bislang begrenzten und moderierten, zunehmend ihre Wirkung verlieren. Ein härterer, unberechenbarer Wettbewerb um Einfluss und Gewalt ist entstanden. Für progressive Kräfte bedeutet dies keine Hoffnung auf Öffnung, sondern die Herausforderung, sich in einem zunehmend instabilen und gewaltsamen politischen Umfeld zu behaupten.

Doch politische Verschiebungen bleiben im Irak nie auf der Ebene von Eliten und geopolitischen Strategien stehen. Sie materialisieren sich im Alltag: in Stromausfällen, steigenden Lebensmittelpreisen, blockierten Handelswegen, zerstörter Infrastruktur und der ständigen Unsicherheit darüber, ob das tägliche Leben morgen noch bezahlbar sein wird. Besonders sichtbar wird dies in der Landwirtschaft.

Importabhängigkeit

Der Irak ist heute in hohem Masse abhängig von iranischen Lebensmittelimporten und zugleich auf eine hochgradig inputbasierte Landwirtschaft angewiesen, die ohne importiertes Saatgut, Pestizide und Betriebsmittel kaum funktionsfähig ist.

Diese doppelte Abhängigkeit entstand nicht zufällig, sondern wurde historisch produziert. Bereits unter britischer Kolonialherrschaft wurde eine ungleiche Agrarordnung geschaffen, in der Landbesitz konzentriert und bäuerliche Produzent·innen systematisch entmachtet wurden. Nachfolgende Regime übernahmen wesentliche Elemente dieser Struktur, wenn auch in veränderter Form. Unter dem Baath-Regime wurde Landwirtschaft stark zentralisiert, bürokratisch kontrolliert und autoritär organisiert. Die Kriege der 1980er und 1990er Jahre, internationale Sanktionen und die ökonomische Verwüstung des Landes verschärften diese Entwicklung weiter und hinterliessen ein Agrarsystem, das bereits vor 2003 tief geschwächt war.

Die US-geführte Invasion von 2003 überführte die strukturellen Schwächen der irakischen Landwirtschaft in eine neue Form der Abhängigkeit. Unter der Besatzung wurde das Agrarsystem zunehmend auf Privatisierung, Wettbewerb und die Abhängigkeit von externen Betriebsmitteln ausgerichtet. Besonders sichtbar wurde dies in den Entscheidungen der von Paul Bremer geleiteten Übergangsverwaltung, der Coalition Provisional Authority (CPA). Deren berüchtigte Order 81 aus dem Jahr 2004 regelte Patentrechte und den Schutz von Pflanzensorten neu und öffnete damit die Landwirtschaft weiter für privatwirtschaftliche und internationale Marktlogiken. Ergänzt wurde dies durch Programme wie das von USAID initiierte Agricultural Reconstruction and Development Program (ARDI), das Landwirtschaft primär als Feld marktorientierter «Modernisierung» behandelte. Auch die Zerstörung der nationalen Saatgutbank in Abu Ghraib war nicht bloss ein Kollateralschaden des Krieges, sondern ein tiefer Einschnitt in die agrarischen Grundlagen des Landes. Seither hat sich ein Modell verfestigt, in dem viele Bauern und Bäuerinnen kaum noch auf lokale Saatgutkreisläufe, staatliche Beratung oder stabile Absatzwege zurückgreifen können. Stattdessen sind sie zunehmend auf private Handeltreibende, importiertes Saatgut, Pestizide, Düngemittel und schwankende Marktpreise angewiesen. Zwar beschäftigt die Landwirtschaft weiterhin einen erheblichen Teil der Bevölkerung (rund 9Prozent der arbeitenden Bevölkerung), doch sie trägt nur noch einen geringen Anteil zur Wirtschaftsleistung des Landes bei. Inzwischen muss mehr als die Hälfte der Nahrungsmittel importiert werden. Diese Schieflage macht den Irak hochgradig verwundbar, denn wer seine eigene Bevölkerung nicht mehr ausreichend versorgen kann, wird in Krisenzeiten politisch und ökonomisch erpressbar.

Gerade hier überschneiden sich die Interessen der konkurrierenden Machtblöcke. Der Irak zählt zu den grössten Absatzmärkten iranischer Exporte und ist der wichtigste Importeur iranischer Agrar- und Lebensmittelprodukte. Doch auch die USA exportierten allein 2025 Agrargüter im Wert von hunderten Millionen Dollar in den Irak. Die Konkurrenz beider Mächte bedeutet also keineswegs, dass eine Seite für irakische Ernährungssouveränität stünde und die andere dagegen. Beide profitieren vielmehr davon, dass der Irak als abhängiger Absatzmarkt funktioniert.

Für viele irakische Landwirt·innen ist die Krise längst alltägliche Realität. Jedes Jahr aufs Neue können sie ihre Ernte nicht kostendeckend verkaufen. 2025 kam es erneut zu Protesten von Tomatenproduzent·innen, nachdem Preise aufgrund der iranischen Importe derart eingebrochen waren, dass Teile der Ernte vernichtet oder auf die Strasse gekippt wurden. Die Botschaft, die viele Landwirt·innen daraus ziehen, ist eindeutig: Ihre Arbeit ist austauschbar, ihr Überleben zweitrangig.

Gerade deshalb war Tishreen mehr als ein Aufstand gegen Korruption. In den Protesten wurde auch die Frage aufgeworfen, was Souveränität materiell bedeutet und wer tatsächlich über die Grundlagen des Lebens verfügt. Der Boykott iranischer Produkte, Kampagnen wie «Made in Iraq» und die neue Aufmerksamkeit für lokale Produktion machten deutlich, dass wirtschaftliche Abhängigkeit nicht nur ein ökonomisches, sondern ein zutiefst politisches Problem ist.

Aus diesem politischen Klima gingen später Netzwerke wie das Netzwerk für Ernährungssouveränität in Kurdistan und Irak Gwez w Nakhl (Walnuss und Palme) oder schon zuvor das diasporische Iraqi Seed Collective hervor. Sie begreifen Ernährungssouveränität nicht als technisches Entwicklungsprojekt, sondern als Teil eines umfassenderen Kampfes gegen Krieg, Sektierertum, Marktzerstörung und autoritäre Herrschaft. Darin zeigt sich auch die andere Seite der irakischen Gegenwart. Der Irak ist nicht nur Objekt von Krieg, Einflussnahme und Marktöffnung. Trotz allem existieren weiterhin Kräfte, die an anderen Formen des Zusammenlebens arbeiten: an Saatgutbibliotheken, agroökologischen Gärten, regionalen Bündnissen zwischen Kurdistan und Zentralirak, feministischer Organisierung, kollektiver Fürsorge und einer Politik, die das Leben statt geopolitischer Macht ins Zentrum stellt. Doch diese Projekte existieren auf kleinen Inseln, und selbst diese Inseln stehen unter permanentem Druck.

Die Palmen von Tishreen und die Tomaten auf der Strasse erzählen letztlich dieselbe Geschichte. Solange der Irak als Schlachtfeld, Absatzmarkt und Pufferzone behandelt wird, zahlen vor allem die Armen, die Landwirt·innen und die progressiven Kräfte den Preis.

Ansar Jasim*

*Ansar Jasim ist Politikwissenschaftlerin. Politisch aktiv ist sie im Bereich der Ernährungssouveränität und Solidaritäten von unten, insbesondere in Syrien und im Irak.

  1. Die Oktober-Protestbewegung, im Irak als Tishreen-Bewegung bekannt, ist eine soziale Bewegung im Irak, die aus landesweiten Protesten und Platzbesetzungen 2019-2020 hervorgegangen ist. Gefordert wurden, unter anderem, die Abschaffung der durch die US diktierten Verfassung des Landes, aber auch mehr Beschäftigungsmöglichkeiten und bessere Dienstleistungen sowie ein Ende der Korruption. Die Bewegung steht politisch für die Überwindung von konfessionellen und ethnischen Spaltungen im Land. Die Sicherheitskräfte des Staates und insbesondere iran-nahe Milizen reagierten vom ersten Tag der Proteste an mit Gewalt, indem sie Tränengas und scharfe Munition gegen die Demonstrierenden einsetzten. Schätzungen gehen von über 1100 Toten und mehr als 30.000 Verletzten aus.