Wie bereits in der letzten Ausgabe von Archipel erwähnt, schickt uns Charlotte, die seit zehn Jahren im landwirtschaftlichen Projekt «Buzuruna Juzuruna» in der Bekaa-Ebene lebt und sich dort engagiert, täglich Nachrichten aus dem Libanon. Hier sind Auszüge daraus von den letzten Tagen (7.–18. Mai). Und danach zwei sehr unterschiedliche Beiträge von Dominique Eddé, einer libanesischen Dichterin.
Tagebuch aus dem Libanon
7. Mai: Hallo! Heute sind wir nach Saida im Süden gefahren, zwischen Beirut und Sour. Wir haben 10.000 Setzlinge von Tomaten, Paprika, Chili, Auberginen und Basilikum verteilt. Dann Sommer-Saatgut an etwa dreissig Bäuerinnen und Bauern aus der Region Saida. Morgen und übermorgen setzen wir die Verteilung von Setzlingen und Saatgut im Norden der Bekaa und in einem Dorf im Libanongebirge fort, wo es viele Vertriebene aus dem Süden gibt. Nächste Woche beenden wir unseren Einsatz im Süden mit einer weiteren Verteilung. Die Zahl der Getöteten steigt weiter an: 2727 Tote durch die israelische Armee und 8440 Verletzte seit Anfang März. Die Intensität der Bombardierungen und Zerstörungen ist enorm. Es geht ihr offenbar darum, alle Erinnerungen auszulöschen.
8. Mai: Ich habe sehr anstrengende Wochen hinter mir und spüre jetzt deutlich die Müdigkeit. Es ist eine Zeit, in der wir überall hinrennen, und ich gebe zu, dass ich diejenige bin, die am liebsten alles machen würde :)))… Heute habe ich neue Zahlen, damit ihr euch ein Bild vom Wahnsinn des zionistischen Regimes machen könnt: Mehr als 30 Menschen wurden innerhalb von 24 Stunden getötet, darunter auch Kinder. 56.264 Hektar im Libanon wurden durch die zionistischen Angriffe zerstört. 80 Prozent der Landwirt·innen im Süden wurden vertrieben. 1.848.856 Tiere wurden durch die Besatzung getötet. 29.000 Bienenvölker sind gestorben. 72 Dörfer wurden seit dem 26. April von den Zionisten zwangsevakuiert und massiv zerstört. Weiter nördlich von uns in der Bekaa hat die israelische Armee vor einer Stunde bombardiert.
9. Mai: Heute wurden im Libanon mehr als 110 Bombardements aller Art gezählt. Darunter viele Massaker an Zivilist·innen. Sie versuchen jede Minute, jeden Zentimeter Land, jeden Herzschlag, jede Familienerinnerung, jedes Lächeln zu zerstören. Ein 12-jähriges Mädchen war mit ihrem Vater auf einem Motorroller unterwegs. Eine Drohne nahm sie ins Visier, beide wurden auf die Strasse geschleudert, starben aber nicht auf der Stelle. Der Vater entfernte sich von seiner Tochter, um allein zu sterben. Er wurde ein zweites Mal ins Visier genommen – getötet. Das kleine Mädchen rannte in Deckung. Die Drohne nahm sie noch einmal Mal ins Visier – ermordet. Sie war 12 Jahre alt. 36 Menschen wurden heute von den Völkermördern getötet. Diese Menschen hatten Namen.
10. Mai: Hallo, heute haben wir einen Ausflug ans Meer gemacht – es war toll und ist gut für die Stimmung! Zum Krieg: Über 50 Menschen wurden in den letzten 24 Stunden getötet. Wieder wurden Dörfer zur Evakuierung gezwungen – wir sind mittlerweile bei 80 evakuierten Dörfern angelangt. Es ist Krieg, kein Waffenstillstand. Manchmal, wenn ich schreibe, wird mir bewusst, wie sehr es zwei Leben am selben Tag und im selben Land sind – in diesem so kleinen Land.
11. Mai: Den Tag mit dem Lärm der Drohnen beginnen, Blumen pflanzen, niemals ihrer psychologischen Manipulation nachgeben, weiter Widerstand leisten – selbst bei diesem schrecklichen Lärm über unseren Köpfen. Im Süden verteilten zwei Männer Brot in ihrem Dorf, in dem sie beschlossen hatten zu bleiben. Ein zionistischer Angriff hat sie heute Morgen getötet. Es ist einfach so, dass sie jeden vernichten wollen, der Widerstand leistet. Die Besatzung wird immer der Feind der Zivilbevölkerung sein. Was im Süden des Landes geschieht, sind genau dieselben Techniken, die sie in Gaza anwenden, nur auf einem grösseren Gebiet. Es gab nie einen Waffenstillstand – weder 2024 noch 2026. Jede Minute meines Tages und meiner Nacht erhalte ich Nachrichten von verschiedenen Gruppen, die von Bombardements, Massakern, Drohnen, Phosphor, Zerstörungen, Entführungen berichten… Jede Minute – könnt ihr euch das vorstellen? Kurz gesagt, an manchen Tagen kommen Wut und Zorn in mir stärker hoch als an anderen.
13. Mai: Heute hat die zionistische Armee Autos ins Visier genommen – etwa fünfzehn Menschen wurden getötet, darunter ganze Familien. Jeden Tag spürt man, dass das wohl noch andauern wird – leider...
15. Mai: Hallo, hallo! Da bin ich wieder. Gestern hatten wir ein gemeinsames Treffen auf unserem Bauernhof, um darüber zu sprechen, wie wir als «Buzuruna Juzuruna» Projekte unterstützen wollen. Dann habe ich den Transporter unseres Freundes Hadi mit Setzlingen gefüllt, um sie heute im Süden zu verteilen – in einem palästinensischen Lager in der Stadt Sour. Wir sind zu viert gefahren; der Transporter voll mit Setzlingen, Futter für die Hühner, Katzen und Hunde. Ein langer, sehr schöner und sehr intensiver Tag. Der Garten, in dem wir Setzlinge verteilt haben, gehört Hamada und Ahmed. Hamada ist Imker. Er hat uns seinen Honig probieren lassen und wir haben seinen Tee aus wilden Kamillenblüten getrunken, inmitten von Maulbeerbäumen, Hühnern und Enten. Danach fuhren wir zurück in Richtung Saida, wo wir einen Zwischenstopp im Gemeinschaftsgarten von Nohieh el-Ard einlegten, um dann weiter nach Beirut zu fahren. Dann bin ich mit meinem Motorrad nach Hause gefahren. Der Unterschied zwischen dem Süden und der Rückkehr nach Beirut ist sehr schockierend. Die Stadt Sour war leer, und viele Viertel werden oft bombardiert – nur sehr wenige Menschen sind geblieben. In Beirut hingegen gehen die Leute abends in die Bar. Eineinhalb Stunden Unterschied zwischen den beiden Städten. Zwei verschiedene Welten. Es ist bitter, den Süden so zu sehen.
16. Mai: Tag in der Bekaa, gegen Abend im Garten. Heute ist der erste Tag der Verlängerung des nicht existierenden Waffenstillstands um 45 Tage. 40 Dörfer wurden innerhalb von 24 Stunden bombardiert. Etwa fünfzehn Menschen wurden getötet, darunter Rettungskräfte. Seit einem Monat wurden 106 Dörfer im Süden und in der Bekaa von der zionistischen Regierung zur Evakuierung gezwungen. Der libanesische Staat begrüsst die Fortschritte bei der Kapitulation gegenüber Israel. Wir sind noch lange nicht über den Berg…
18. Mai: Wenn die internationale Flottille für Gaza etwa 500 km vor Palästina von der Besatzungsarmee entführt wird, wenn das abscheuliche Gesetz zur Todesstrafe für Palästinenser·innen heute in Kraft tritt, wenn die Bombardements in Gaza und im Libanon nicht aufhören, wenn immer wieder Zivilist·innen von der israelischen Armee ermordet werden. Wenn seit fast drei Monaten mehr als 3000 Menschen im Libanon getötet wurden. Dann müssen wir weitermachen, Widerstand leisten, teilen, Solidaritätsveranstaltungen organisieren, säen, pflanzen. Leben und tanzen für eine gerechtere Welt, lachen und den Kopf hochhalten. Nicht aufgeben!
Charlotte*
- Charlotte ist Französin und Schweizerin. Sie ist Mitglied des Europäischen Bürger:innen Forums und steht uns sehr nahe. Siehe auch ihren Artikel «Konkrete Solidarität», Archipel 357, April 2026
Das Licht in der Dunkelheit
Joseph Andras, L’Humanité: «Beirut lag in Trümmern und Palästina war zerstört». Vielleicht erkennen Sie, Dominique Eddé, diesen Satz wieder. Er stammt von Ihnen. Er ist über zwanzig Jahre alt. Man findet ihn in Ihrem Roman «Cerf-volant». Der Libanon steht heute unter Bombardement und Palästina ist zerrissen. Ganz zu schweigen vom Iran. Wie lebt man mit diesen Worten, die sich offenbar ständig wiederholen lassen?
Dominique Eddé: Hier im Libanon sind die Brücken im wörtlichen und im übertragenen Sinne gesprengt worden. Alle Verbindungen werden angegriffen, wie ich Ihnen bereits sagte. Überall: vor Ort, in den Argumentationen, den Gefühlen, bis hin in die Erinnerungen hinein. Im Abstand von 100 Metern existieren Tag und Nacht nebeneinander. Zelte von Vertriebenen reihen sich am Fusse der grossen Hotels aneinander. Luxushäuser werden mal zu Festungen, mal zu Schutzräumen umfunktioniert. Empathie und Misstrauen wetteifern um die Blicke. Die Menschen wissen nicht mehr, wie sie zuhören oder sich mitteilen sollen. Wie sie schweigen sollen. Alle Meinungen liegen in der Luft. Und alles liegt blank. Da gibt es diejenigen, die sich noch immer mit dem «heldenhaften Widerstand» der Hisbollah identifizieren wollen und vergessen möchten, dass diese schwer bewaffnete Partei das politische Leben des Landes an sich gerissen, eine monokonfessionelle, messianische Struktur aufgebaut hat, die vom Iran und dem Drogenhandel finanziert wird und massgeblich an Al-Assads verbrecherischem Krieg gegen sein eigenes Volk beteiligt war.
Dann gibt es diejenigen, die noch gestern ihre Wut über die völkermörderischen Machenschaften der israelischen Armee in Gaza herausgeschrien haben und nun plötzlich glauben wollen, dass diese brandstiftende, suprematistische, offen annexionistische Macht an ihrer Befreiung arbeitet. Natürlich gibt es differenziertere Meinungen über das gesamte politische Spektrum hinweg, doch die Differenzierung, die per Definition ein Werkzeug der Klarheit sein sollte, ist zu einer Quelle des Leidens für alle geworden: für diejenigen, die sie einfordern, und für diejenigen, die sie nicht wollen. Sie wird von jenen, die das Bedürfnis haben, einem Lager anzugehören, als Aggression empfunden. Viele brauchen Hass, um durchzuhalten, oder aber unbegründeten Optimismus. Beides kann Hand in Hand gehen. Fast alle haben ein übermässiges Bedürfnis nach Gott. Alle stehen ohnmächtig da, ohne Ventil, ohne Hilfe. Illusion und Hass schaffen auf der einen Seite Verbundenheit, während sie diese auf der anderen Seite zerstören. [...] Der Titel eines Buches, das Sie 1999 veröffentlicht haben, greift dessen letzten Satz auf: «Sag mir, warum es so dunkel ist?» Ich stelle Ihnen also Ihre eigene Frage.
Das Licht, wenn es dunkel ist, kann gerade deshalb magisch sein, weil es schwach ist. Es hängt von wenig ab, und dieses «Wenig» hängt von unserer Fähigkeit zu lieben ab. An der Entscheidung, sich nicht allein auf die eigene Ebene zu beschränken. Wenn ein Berg des Leidens durch den Wunsch und die Kraft, ihm einen Sinn zu geben, erklommen wird, ist er schon nicht mehr derselbe. Er eröffnet plötzlich den Horizont, wo er doch zuvor nur eine Mauer war.
Ein bisschen so, wie ein Gegenstand durch seinen Schatten verdoppelt wird. Und in diesem Schatten bleibt der Schmerz bestehen, aber auf andere Weise. Er verschmilzt mit der Landschaft. Er eröffnet plötzlich den Zugang zu einer Schönheit, von der er abgeschnitten war. Das kann das Lachen eines Kindes sein, das sich in deine Arme wirft. Es kann das Aufblitzen eines Lächelns auf einem sterbenden Gesicht sein. In beiden Fällen ist das Leben ganz nackt, ganz und gar, erfüllt von dem Geheimnis, das seinen Zauber ausmacht. [...]
Es ist das Leben, das der grosse politische Widerstand verteidigt. Er entsteht aus ihm. Wenn der Wille zum Mut nicht besiegt wird…
Dominique Eddé**
**Dominique Eddé, geboren am 18. Februar 1953 in Beirut, ist eine libanesische Romanautorin, Essayistin, Übersetzerin und Lehrerin. Wir veröffentlichen hier zwei Auszüge aus einem Interview mit ihr, das Joseph Andras für die französische Tageszeitung L’Humanité am 4. Mai 2026 geführt hat.



